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November 15. 2017 10:52:42
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2013 Jüdische Schule


"Geschichte der jüdischen Schule in Emden
von Dr. Rolf Uphoff. Vortrag am 18.09.2013 vor Mitgliedern der Historischen Kommission des Landes Niedersachsen und des Landes Bremen.

I.
Am Ende des 16. Jahrhunderts gibt es in Emden eine entwickelte jüdische Gemeinde, die auch dokumentarisch fassbar wird. Eine von ihr ausgehende erzieherische und bildende Funktion lässt sich während der ersten preußischen Herrschaft in den Akten des Stadtarchivs ab 1756 nachweisen. Allerdings existierte keine Schule im Sinne eines festen Gebäudes. 1758 waren in Emden für die jüdische Gemeinde vier Schulmeister tätig:
1. Rabbi Süß
2. Gersson Levi
3. David Moses
4. Wolff Levy 
Diese Lehrer mit Ausnahme des Rabbis lebten in den Haushalten von Eltern, deren Kinder sie unterrichteten. Ihren Lebensunterhalt bestritten sie darüber hinaus aus dem Honorar für die Ausbildung weiterer Kinder in der jüdischen Gemeinde. Durch die Zugehörigkeit zu einem „geleiteten“ Judenhaushalt benötigten jüdische Lehrer keinen eigenen Geleitbrief. Sie mussten bei der preußischen Kriegs- und Domänenkammer in Aurich angemeldet werden und wurden vier Jahre geduldet. Sie mussten bei Ablauf dieser Frist einen neuen Haushalt finden, dessen Vorstand sie erneut anmelden musste. Den Lehrern war es verboten, zu heiraten oder einem anderen Broterwerb nachzugehen. Heirateten sie dennoch, wie es z.B. der Lehrer Jonas Joel 1804 tat, mussten sie mit der Ausweisung aus Ostfriesland rechnen, denn für den Erwerb eines Geleits fehlten ihnen die Mittel.
Die Situation der jüdischen Schullehrer war bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts prekär. Sie waren auf die Familie angewiesen, die sie aufnahm. Zugleich mussten sie mit der Einwanderung von Konkurrenten rechnen, die ihnen Schüler nahmen und durch bessere Kenntnisse den Beifall der Eltern erhielten. 1778 versetzte ein zugewanderter Lehrer aus Polen, Abraham Siemons, die einheimische israelitische Lehrerschaft in Alarmbereitschaft. 1788 eröffnete der aus Amsterdam stammende Lehrer Lazarus Isaaks in der Wallstraße eine „öffentliche Schule“. Sie hatte jedoch keinen langen Bestand. 

II.
Bis zur dritten Dekade des 19. Jahrhunderts hatte sich eine Schule als Institution bei der jüdischen Gemeinde entwickelt. Diese Neustrukturierung war eine Folge der Umstrukturierung des Bildungswesens in Ostfriesland seit dem Beginn der hannoverschen Landesherrschaft ab 1815. Aus dem Emder Rabbiner wurde ein Landesrabbiner, der unter der Aufsicht der Landdrosten von Aurich und Osnabrück die jüdischen Gemeinden dieser Landdrosteibezirke hinsichtlich Personalfragen und der Schulorganisation kontrollierte und lenkte. Er übernahm die Befugnisse, die das kgl. Konsistorium als Behörde einer Landdrostei gegenüber den christlichen Kirchengemeinden und deren Schulen inne hatte. Mit seiner neuen Funktion konnte der Landesrabbiner direkt in die Schulorganisation der ihm unterstellten Gemeinden eingreifen. 
Im Rahmen der Neuorganisation des Bildungswesens im Kgr. Hannover nach 1815 wurde die Schulträgerschaft grundsätzlich an die christlichen und jüdischen Gemeinden übertragen. Sie bildeten zur Erfüllung dieser Aufgabe eigene Schulvorstände. Finanziert wurden die Unterhaltung der Schulen und die Besoldung der Lehrer aus dem Schulgeld, das die Eltern der schulpflichtigen Kinder entrichten mussten. Für Kinder armer Eltern wurden Armenschulen eingerichtet, die nur eine Grundbildung vermittelten.
Das erste Schule der Israelitischen Gemeinde Emden befand sich 1841 in einem Gebäude in der Judenstraße (Max-Windmüller-Straße), das sich in einem schlechten baulichen Zustand befand. Nach dem Bericht des Landrabbiner Hirsch bestand die Schule aus drei Klassen, in denen 104 Schüler (55 Jungen und 49 Mädchen) unterrichtet wurden. Der Landrabbiner setzte sich für den Bau einer größeren Schule ein. Die Notwendigkeit des Schulbaus wurde vom Schulverband der jüdischen Gemeinde bestätigt. Allerdings gestaltete sich die Finanzierung schwierig. Die Israelitische Gemeinde war wegen des Baus der neuen Synagoge 1836 nicht in der Lage, größere Beträge zum Schulbau aufzuwenden. Nach langen Verhandlungen unter anderem mit dem Magistrat der Stadt Emden wurde ein Finanzierungsmodell gefunden, das den Schulbau ermöglichte. Die Israelitische Gemeinde stellte für die neue Schule ein Grundstück zur Verfügung, die Stadt Emden steuerte aus ihrem Kämmereihaushalt einen Zuschuss zur Unterhaltung der Schule bei und die Eltern finanzierten mit dem Schulgeld den Restbeitrag zum Schulbau.
Am 06. Mai 1845 erfolgte um 9.00 Uhr die feierliche Einweihung der neuen jüdischen Schule. Dem Einweihungsakt wohnten Bürgermeister Suur und Senator Westermann als Vertreter des Magistrats bei. Die offizielle Anwesenheit ranghoher Magistratsbeamter belegt die Anerkennung der jüdischen Gemeinde durch das damals liberal dominierte Bürgertum. 
1851 wurde die Armenschule der Israelitischen Gemeinde gegründet. Die mittellosen Eltern konnten ihre Jungen und Mädchen während 11 Stunden in der Woche vom Armenlehrer Salomon unterrichten lassen. 
Die Bildung einer separaten Armenschule zeigt, dass Bildung bis zum Ende des Ersten Weltkriegs eine Frage der Klassenzugehörigkeit war. Hierin unterschied sich die Schulstruktur der Israelitischen Gemeinde nicht von der der christlichen Gemeinden in Emden.


III.
1866 ging Ostfriesland durch den Sieg Preußens über Österreich und die mit ihm verbündeten deutschen Mittelstaaten, darunter das Kgr. Hannover, nach einem kurzen Krieg an den Hohenzollernstaat über. Preußen übernahm die Verwaltungsstrukturen des annektierten Welfenstaates und veränderte sie nur allmählich. Damit blieb es bei der Beaufsichtigung der jüdischen Schulen durch den Landrabbiner. Dieser unterstand der Aufsicht des kgl. Konsistoriums, einer für Schul- und Kirchenwesen zuständigen Behörde der Landdrostei, später kgl. Regierung zu Aurich. Die Schulträgerschaft blieb Aufgabe der Israelitischen Gemeinde. Im Gegensatz zu den christlichen Schulen ging die Schulträgerschaft auch nach den diversen Schulreformen der 1880er und 1890er Jahren nicht an die Stadt Emden über. Somit erhielt die Israelitische Schule in Emden eine Sonderstellung in der Emder Schullandschaft. 
Zwischen 1893 und 1895 erfolgte ein Umbau der Schule, die den veränderten Anforderungen der Zeit angepasst wurde. 
Vor dem Ersten Weltkrieg kennzeichneten zwei Konflikte die jüdische Schule in Emden. Der erste Konflikt entspann sich zwischen dem Landrabbiner und dem Vorstand der Israelitischen Schule. Der Schulvorstand beanspruchte eine größere Disziplinargewalt gegenüber den Lehrern. Hintergrund war eine Beschwerde verschiedener Eltern gegen den Lehrer Apt wegen „übertriebener Züchtigung“ von Schülern im Jahre 1891. Der zweite Konflikt brach zwischen Schulvorstand und den Lehrern aus. Sie forderten ein Mitspracherecht bei den Beratungen des Vorstandes. Landrabbiner Dr. Buchholz und das kgl. Konsistorium in Aurich stellten sich auf ihrer Seite. Die Lehrer wurden den Mitgliedern des Schulvorstandes gleichgestellt.
Nach dem Ersten Weltkrieg änderte sich die rechtliche Stellung der jüdischen Schule zunächst nicht. Allerdings blieben die schweren wirtschaftlichen Krisen der Weimarer Republik nicht ohne Auswirkungen auf die jüdische Bevölkerungsminderheit. Auch das Vermögen vieler jüdischer Familien fiel der Inflation zum Opfer. In der 1928 beginnenden Weltwirtschaftskrise gerieten viele Geschäftsleute gleich welcher Glaubensrichtung in die Verarmung. Die jüdische Schule befand sich 1928 in einem schlechten baulichen Zustand. Allerdings war der Schulvorstand zur notwendigen Modernisierung wirtschaftlich nicht in der Lage. Die Schulgeldeinnahmen reichten eben aus für die Aufrechterhaltung des Schulbetriebs.
Der Schulunterricht sollte sich nach der Vorgabe des Schulvorstandes am orthodoxen Judentum orientieren. Ob daraus ein Konflikt zum erstarkenden Zionismus erwuchs, kann aus den vorhandenen Quellen nicht festgestellt werden. Gleichwohl war eine orthodoxe Ausrichtung ein Kriterium für die Lehrereinstellung. 
1921 verstarb der langjährige 1. Lehrer der jüdischen Schule, Apt. Um seine Stelle bewarben sich der aus Weener stammende Ignaz Popper und der Sohn des Kultusbeamten und jüdischen Lehrers August Gottschalk aus Esens, Julius Gottschalk. Ignaz Popper wurde vom Landrabbiner Dr. Buchholz unterstützt, während der kriegsversehrte Julius Gottschalk vom Schulvorstand und der Israelitischen Gemeinde Unterstützung erfuhr. Dessen Vater August Gottschalk intervenierte massiv für seinen Sohn beim Landrabbiner, der Regierung in Aurich und der Provinzialregierung in Hannover. Alle Initiativen von Seiten des Schulvorstands für die Einstellung Gottschalks waren vergeblich. Ignaz Popper erhielt den Posten durch die Fürsprache des Landrabbiners mit dem Hinweis, dass er schon 1916 für diese Stelle vorgesehen gewesen war.
Erst zum 1. September 1922 bekam Julius Gottschalk die Einstellung als zweiter Lehrer der jüdischen Schule in Emden. Der damals 24-jährige sollte der letzte jüdische Lehrer in Emden werden. Schnell lebte er sich in Emden ein und heiratete im Herbst 1923 die 20-jährige Kaufmannstochter Minna van der Walde. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor.
Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten verschlechterte sich die Situation der jüdischen Minderheit zusehends. Bereits im März 1933 kam es im Gefolge einer Boykottaktion gegen jüdische Geschäfte zu Übergriffen. Als Ärzte und Rechtsanwälte tätige Juden verloren ihre Berufszulassung. Auch jüdischen Schlachtern wurde der Gewerbeschein entzogen. Infolge dieser Repressalien kam es zu einer ersten Auswanderungswelle (z.B. Max Windmüller und Familie). Mit der Verkündung der Nürnberger Rassegesetze 1935 wurden die Juden in Deutschland zu einer entrechteten Minderheit. Sie galten nicht mehr als deutsche Staatsbürger. Jüdische Kinder, die deutsche weiterführende Schulen besuchten, wurden spätestens jetzt relegiert. Bereits zuvor waren sie innerhalb ihrer Klassen der Isolierung und Diskriminierung ausgesetzt. 
Diesen Repressalien folgte eine weitere Auswanderungswelle. Viele Jugendliche bereiteten sich auf ein Leben in Palästina vor.


Julius Gottschalk -
Lehrer an der jüdischen Schule Emden von September 1922 bis Januar 1939


1937 unterstand die jüdische Schule, juristisch gesehen war sie nun eine Privatschule, der Reichsvereinigung der deutschen Juden. Sie erließ für die Israelitischen Schulen einen Lehrplan, dem folgende Leitlinien zugrunde lagen.
1. Das Kind soll seines Judeseins im gesundem Bewusstsein sicher werden.
2. Lebendiges Verständnis für die Ewigkeitswerte der jüdischen Religion, insbesondere für das Aufbauwerk in Palästina, sollen geweckt werden.
3. Die gesamte Erziehung muss auf die Erziehung willensstarker und in sich gefestigter jüdischer Charaktere abgestellt werden. Das jüdische Kind muss für die Auswanderung, insbesondere nach Palästina, vorbereitet werden.
4. Der Unterricht für Religion und Hebräisch muss von vier auf sechs Stunden erhöht werden.
5. Im Mittelpunkt des hebräischen Unterrichts steht die Lektüre biblischer Bücher.
6. Die Geschichte der Juden in Deutschland ist besonders ausführlich darzustellen und der Aussprache über jüdische Gegenwartsfragen ist breiter Raum zu geben.
7. Der Palästinakunde ist in allen Klassenstufen breiter Raum zu geben.
Der Lehrplan drückte zwei Prämissen aus; die Schaffung einer jüdischen Identität und die Vorbereitung auf die Auswanderung. In der Konsequenz hob er die Ergebnisse von 100 jähriger Assimilation und Identifikation mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft auf. Unbewusst spielte der Plan den Nationalsozialisten in deren rassistisches Konzept, indem sich die Judenschaft nun als besondere Gemeinschaft definierte. In diesem Zusammenhang ist zu hinterfragen, ob dieser Lehrplan nicht auch unter dem Druck von NS-Behörden zustande kam.
Infolge der fortgesetzten Auswanderung schrumpfte die Schülerzahl der jüdischen Schule so stark, dass ein zweiter Lehrer überflüssig wurde. Der Lehrer Hirschberg wurde im August 1938 nach Leer versetzt. Julius Gottschalk setzte den Unterricht bis Januar 1939 fort. 
Julius Gottschalk und seine Familie mussten Emden im selben Monat Richtung Hamburg verlassen. Sie gehörten zur ersten Gruppe der Emder Juden, die, nun als Reichsfeinde eingestuft, aus Emden ausgewiesen wurde. Die Familie Gottschalk lebte bis zum Sommer 1943 in der Dillstraße, einem der Judenhäuser in Hamburg. Von dort aus erfolgte die Deportation nach Theresienstadt. Im September 1944 musste die Familie ihren letzten Weg nach Auschwitz – Birkenau antreten.
Das Gebäude der ehemaligen jüdischen Schule in Emden wurde von der Landesfinanzdirektion in Hannover übernommen und verwaltet. Am 06. September 1944 zerstörten britische Bomben das Gebäude. Im Zuge des Wiederaufbaus nach dem Krieg erfolgte eine neue Parzellierung des Gebietes um die Stätten der ehemaligen Synagoge und der Schule. Sie wurden völlig überbaut, sodass nichts von ihnen geblieben ist.