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3.-10.09.2017 - Emder Schüler in Israel - siehe in: Exkursionen 2017

Eine Reise nach Lodz Projekt mit BBS II Emden, www.emden-lodz.de

Stolpersteine auf der Homepage der Stadt Emden, www.emden.de                                 

Letzte Änderung
November 15. 2017 10:52:42
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Presse 2012


Plakat zur Gedenkveranstaltung am 09.11.2012                  Plakat 09.11.2012



Emder gedachten der ermordeten Juden
Ostfriesen-Zeitung vom 10.11.2012                                                                OZ 10.11.2012



Schüler erstellen Hörspiel zum Gedenken an Pogromnacht
Am Freitag wird am Synagogendenkmal in der Bollwerkstraße an die Schrecken der Pogromnacht im Jahr 1938 erinnert.
Von Lisa Frankenberger
Emder Zeitung vom Mttwoch, 7.11.2012                                                        EZ 07.11.2012



Ausweisungen gibt es auch heute noch
Junge Leute der BBS I haben sich für Progromnacht-Gedenkfeier Besonderes einfallen lassen.
Von Heiner Schröder
Ostfriesen-Zeitung vom 7.11.2012                                                                 OZ 07.11.2012



Schüler holten Geschichte zurück in die Gegenwart
Jugendliche der Berufsbildenden Schulen organisierten eine Veranstaltung zum Gedenken an die Opfer der Pogromnacht 1938. Von SONJA BLOEMPOTT

Emden. Die Geschichte ist nicht mehr zu ändern. Niemand kann die Zeit zurück drehen. Was aber veränderbar ist, ist der Umgang mit ihr in der Bevölkerung. Das haben Schüler der 11., 12. und 13. Klassen der Berufsbildenden Schulen (BBS 1) gestern Abend bei einer Gedenkveranstaltung für die Opfer der Pogromnacht von 1938 beeindruckend dargestellt.
Sie haben das Jahr 1938 - zumindest für einen Moment - in die Gegenwart zurückgeholt. Das nicht nur durch die Aufzählung der Gräueltaten, die die Antisemiten an den Juden begangen haben, sondern auch mit kleinen Vorführungen, die die Geschehnisse wenigstens in Ansätzen erlebbar machten .
Ein Beispiel war ein Dialog zwischen einem jüdischen Geschwisterpaar, der von zwei Schülern im sehr gut besuchten VHS-Forum vorgetragen wurde: Bruder und Schwester, die im Anbeginn der Judenverfolgung geschworen hatten, dass sie immer beieinander bleiben und aufeinander Acht geben wollten. Wie es die NS-Politik wollte, sollte ihr Wunsch nicht erhört werden - sie wurden getrennt. Für immer .
Einen Augenblick lang gab es in der VHS zwei jüdische Kinder, die Angst vor dem hatten, was das deutsche Regime aufgrund ihrer Herkunft mit ihnen anstellen würde. Für etwa eine halbe Stunde war gestern Abend in der VHS wieder der 9. November 1938 .
Das Zeichen, das die Schülerinnen und Schüler damit setzten, war unmissverständlich: Die Geschehnisse aus der Zeit des Nationalsozialismus dürfen nicht vergessen werden. Ihr engagierter Einsatz zeigte aber vor allem, dass es für eine friedliche Zukunft maßgeblich ist, auch die nachfolgenden Generationen über das zu informieren, was geschehen ist.
Denn - und auch das machten die BBS-Schüler gestern deutlich - auch in der heutigen Zeit ist die Gesellschaft nicht frei von der Unterdrückung von Minderheiten. „Zwar sind die aktuellen Beispiele mit denen aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges nicht zu vergleichen. Trotzdem können wir auch heute noch daraus lernen”, mahnten die Schüler an. Umrahmt wurde die Veranstaltung, die im Anschluss an das Gedenken am Mahnmal an der Bollwerkstraße stattfand, wieder von jüdischen musikalischen Beiträgen.
Nach einer Schweigeminute wurden die Besucher - unter ihnen Oberbürgermeister Bernd Bornemann und seine Frau Ilse sowie auch der Alt-OB Alwin Brinkmann und seine Ehefrau Doris - mit einem innerlichen Konflikt in den weiteren Abend entlassen. Auf der einen Seite die berechtigte Begeisterung über das, was die Schülerinnen und Schüler hier auf die Beine gestellt hatten, und auf der anderen Seite die Betroffenheit, die einen mit Blick auf die NS-Zeit immer wieder beschleicht. Zumindest diese Mischung aber ist ein Zeichen für eine gelungene und hoffentlich auch nachhaltige Veranstaltung.

Emder Zeitung vom Samstag, 10. November 2012        EZ 10.11.2012



„Die dunkelsten Stunden unserer Geschichte”
Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht in der Bollwerkstraße.
Von LISA FRANKENBERGER

Emden. „Auf euch kommt es an. Ihr dürft dem Hass und der Gewalt keine Chance geben.” So appellierte der Emder Oberbürgermeister Bernd Bornemann gestern anlässlich der Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht vor 74 Jahren an die Emder Jugendlichen.
Bei der jährlich am Synagogendenkmal in der Bollwerkstraße stattfindenden Veranstaltung sprach xxxx Bornemann für Toleranz und Menschlichkeit aus. So etwas dürfe nie wieder vorkommen. „Es war die dunkelste Stunde unserer Geschichte”, sagte er.
Im Vorfeld zu den Schlussworten des Oberbürgermeisters hatten Schülerinnen der 13. Jahrgangsstufe der Berufsbildenden Schulen I (BBS) an die Schrecken der Pogromnacht erinnert. Mit Zahlen und Fakten machten sie deutlich, wie viele Menschen von Terror und Zerstörung betroffen waren und stellten Laternen auf. „30 000 Männer wurden in Lager verschleppt.” „3 000 000 polnische Juden waren betroffen.” „5,6 bis 6,3 Millionen Juden wurden ermordet”. Diese Zahlen hatten die Schülerinnen auf Schilder geschrieben, die sie hochhielten.
Sie erinnerten auch an die vielen Emder Juden, die in dieser Nacht misshandelt und zum Schulhof der damaligen Neutorstraße getrieben wurden. Auch auf die im Vorfeld erfolgten Abschiebungen gingen die vier Schülerinnen Marlena Appel, Nieke Weinast, Christin Graefe, und Jessica Röskam ein.
Mit einem Hörspiel, das Meerle Neels und Alina Dreier (ebenfalls BBS-Schülerinnen) aufgenommen hatten, wurden die Ereignisse aus der Sicht eines Kindes geschildert. Protagonist Heinrich Leopold berichtete von seinem Leben in der Brückstraße und den vielen jüdischen Familien, mit denen seine Familie befreundet war. In der Pogromnacht hörte er Schreie aus dem Nachbarhaus, wo Mitglieder der SS und der SA die dort lebende jüdische Familie unter Gewalt aus ihrem Haus vertrieben. Der Vater, Luis Phillipson, war der Aufforderung die Tür zu öffnen nicht schnell genug nachgekommen. „Er wurde einfach angeschossen und seine Familie durfte ihm nicht helfen”, berichtet die Kinderstimme im Hörspiel .
„Es ist wichtig, dass die damaligen Geschehennisse nicht in Vergessenheit geraten”, sagten die Schülerinnen und luden die Besucher der Gedenkveranstaltung in das Forum der Volkshochschule ein, wo Präsentationen und Vorträge an die Pogromnacht erinnern und Parallelen zur Gegenwart gezogen werden sollten (siehe Bericht auf dieser Seite).
In seiner Begrüßungsansprache hatte der Vorsitzende der Max-Windmüller-Gesellschaft, Dr. Rolf Uphoff, einige Namen der vertriebenen und misshandelten Emder Juden genannt. Er berichtete auch von der 1836 erbauten Emder Synagoge, die in der Pogromnacht in Brand gesetzt wurde. Im nächsten Jahr, dem 75. Jahrestag, soll die Zerstörung der Emder Synagoge im Mittelpunkt des Gedenkens stehen. Dann werden Schüler einer andere Schule die Gedenkveranstaltung organisieren.

Emder Zeitung vom Samstag, 10. November 2012                    EZ 10.11.2012

 


"Es bleibt ein Gefühl von Trauer, Schrecken und Unverständnis."

Schüler der BBS II Emden mit der Max-Windmüller-Gesellschaft in Lodz

Polnische und deutsche Schüler suchen gemeinsam nach Lebensspuren der letzten ostfriesischen Juden, die im Oktober 1941 nach Lodz deportiert worden sind. Erstes Treffen im Rahmen einer Schulpartnerschaft der Szkoła Europejska Łódź mit der BBS II Emden. Schüler aus Lodz 2013 in Emden.

Mit einer Fülle von Eindrücken und intensiv Erlebtem sind siebzehn Schüler der BBS II Emden zurückgekehrt aus Lodz in Polen. Die Schülerinnen und Schüler der Jahrgänge 11 und 12 des Beruflichen Gymnasiums der BBS II Emden waren zwischen dem 20. und 27. Mai in Polen auf der Suche nach den Spuren der letzten Juden aus Ostfriesland, die im Oktober 1941 nach Lodz deportiert worden waren. In Kooperation mit der Max-Windmüller-Gesellschaft Emden haben die Schüler im Staatsarchiv Lodz gemeinsam mit polnischen Austauschschülern ca. 11000 Postkarten gesichtet, welche von Bewohnern des Gettos geschrieben worden sind. Keine diese Karten ist jemals abgeschickt worden – deutsche Dienststellen haben alle Nachrichten mit bürokratischer Gründlichkeit gesammelt und archiviert. Die Schüler fanden fünf Postkarten aus dem Altersheim in der Gnesener Straße 26/Getto Litzmannstadt. Sara Hartog aus Aurich, Lazarus Altgenug aus Norden, Julius Goldschmidt und Aaron van der Walde aus Emden haben Anfang Januar 1942 aus dem Altersheim an Freunde und Familienmitglieder geschrieben. Sie alle berichten sehr wahrscheinlich mit bewusster Zurückhaltung, dass es ihnen gut gehe, sie sich bedanken für Geldzuwendungen und dass sie um weitere Anweisungen bitten. Unter unsäglichen Bedingungen mussten die betagten Ostfriesen in drangvoller Enge im Altersheim des jüdischen Gettos die letzten Monate vor der Ermordung in Chelmno zubringen. Neben dem Bahnhof mit Gedenkstätte in Radegast, dem jüdischen Friedhof in Lodz und dem Getto in der Altstadt besuchte das deutsch-polnische Schülerteam den Vernichtungsort Chelmno.

Neben den Eindrücken von den letzten Lebensstationen der ostfriesischen Juden im Getto Litzmannstadt  nahmen die Emder Schüler teil am Unterricht der Europäischen Schule Lodz (Szkoła Europejska Łódź ). Die Deutschlehrerinnen Agnieszka Swica und Katharina Rebak organisierten den Austausch mit den deutschen Schülern, die zur Hälfte bei Gasteltern untergebracht waren. Im Jahr 2013 werden die polnischen Schüler mit ihren beiden Lehrerinnen Emden besuchen. Neben der Erfahrung in der polnischen Schule standen eine Reihe von sportiven Veranstaltungen auf dem Plan.

Die Reise wurde gefördert durch die Stadt Emden und das Deutsch-Polnische Jugendwerk. Begleitet wurde die Gruppe von Hans Christian Bauer von der Stadtbibliothek Emden, der als Dolmetscher fungierte. Organisiert hat die Reise Dr.Rolf Uphoff als Vorsitzender der Max-Windmüller-Gesellschaft. Gero Conring begleitete seine Schüler als Geschichtslehrer an der BBS II Emden. 

Gero Conring

 

Antje Zents, 17 Jahre - Wybelsum

Für mich war es eine sehr traurige, aber auch interessante und schöne Woche.  lch hatte eine wundervolle Gastfamilie und habe erfahren, dass viele polnische Menschen sehr gastfreundlich und offen sind. Solche Fahrten sollte man öfter machen und es ist immer wieder wichtig, diesen Teil unserer Vergangenheit zu bearbeiten, damit die Menschen daraus lernen. Außerdem ist es auch für die Erforschung der Geschichte der Emder Juden ein wichtiger Schritt gewesen, diese Fahrt zu machen. lm Archiv fand ich eine Postkarte von Aaron van der Walde. Das war ein Moment, in dem ich eine Gänsehaut bekam und mir klar wurde, wie wichtig es ist, was wir taten und das es Zeit wurde, diese letzten Lebenszeichen zu entdecken.

 

Gesa Conring, 17 Jahre - Hage

Gedenkstätte Radegast
Es fühlt sich unbehaglich an, in dem langen, schlichten Gang zu stehen, an dessen Wänden in großen Ziffern Jahreszahlen und Schautafeln mit Listen und Fotos angebracht sind. Die Listen der nach Lodz deportierten Juden erscheinen endlos: Man überfliegt ganze Seiten, behält nur noch Besonderheiten im Gedächtnis. Beruf: Nein. Beruf: Nein. Beruf: Künstler. Sofort sehe ich einen jungen, mageren Mann vor mir. An seinen Fingern getrocknete Tinte - ist er ein Dichter? Oder ein Schriftsteller? Hat er nicht auch etwas Farbe am Hemdsärmel? Ein Maler vielleicht? Oder sind seine Fingerkuppen weich und sensibel? Ein Musiker? Pianist? lch weiß es nicht. lch weiß nicht, wer dieser Künstler war. Denn er ist tot, vergessen von der Welt. Hat er noch entfernte Verwandte irgendwo auf der Welt? Vielleicht. Ich weiß es nicht. Wie muss es gewesen sein, nach einer endlos langen Fahrt in kalten, ungemütlichen Waggons in Radegast angekommen zu sein, aus dem Wagen zu stolpern, die wenigen Habseligkeiten eng an die Brust gepresst? Kniff die eisige Kälte einem in die Wangen? Oder lief der kalte Regen einem über Gesicht und Körper? Wieder weiß ich es nicht. So viele Fragen und doch keine Antworten. Die lnformationstafeln geben wenige Antworten, die meisten Fragen bleiben.

 

Florian Hübner, 18 Jahre - Norden

Radegast: Es ist erstaunlich, wie erdrückend monumental ein Denkmal sein kann. Dieser sich immer weiter verengende Tunnel aus purem Beton ist auf der einen Seite beängstigend, auf der anderen allerdings auch von ganz eigener Schönheit. Auch die vielen, größtenteils verblassten Deportationslisten geben ein eindringliches Bild von den damaligen Zuständen.
Chelmno: Besichtigung des wohl ersten Vernichtungslagers in Osteuropa. Es ist erschreckend zu hören und zu sehen, wie die Nationalsozialisten Optimierungen zur systematischen Vernichtung jüdischer Menschen betrieben haben. Das ist einfach nur noch krank. Welch geistig gesunder Mensch setzt die ldee um, einen ,,Grill" zu entwickeln, auf dem die toten Körper von Juden verbrannt werden, der eine Knochenmühle erfindet und das Knochenmehl als Düngemittel an ortsansässige Bauern verkauft?

 

Lisa Bruinjes, 20 Jahre - Riepe

Wir besuchten das Staatsarchiv in Lodz, um dort den Weg der letzten Emder Juden zu verfolgen. Wir
haben viele Postkarten gefunden, wobei die Schrift nicht immer leserlich war. Viele haben über
Hunger in den Gettos berichtet, andere fragten ihre Angehörigen um Geld und wiederum andere
beruhigten sie, indem sie schrieben, dass sie gesund wären. Doch alle waren voller Hoffnung, denn
sie erwarteten eine Antwort, die nicht kommen konnte, weil die Deutschen die Karten nicht
abgeschickt haben. lch finde es bemerkenswert, dass viele doch versucht haben, ihre
Angehörigen zu beruhigen, obwohl wir wissen, wie die Umstände in den Gettos waren.


Malte Schoon, 21 Jahre - Emden

Wir fuhren von Lodz eine gute Stunde mit dem Bus nach Chelmno. Auf der Hinfahrt war die
Stimmung gut. Die Musik war laut, es wurde viel geredet und gelacht. Dies änderte sich als wir im
Vernichtungslager ankamen. Außer ein paar Gebäuden, einer Schotterfläche und ein paar
Grundmauern war an diesem Ort nicht viel zu sehen, dachte man. Als aber der dortige
Ausgrabungsleiter anfing zu erzählen und von den Gräueltaten berichtete, welche an diesem Ort
verübt wurden, verschlug es auch dem Letzten die Sprache. Er berichtete von 240.000 ermordeten
Menschen, von kaltblütiger Planung und Durchführung. 240.000, eine Zahl, die keinen Platz zur
Betrachtung von Einzelschicksalen lässt, glaubt man. Wir sahen ein lnterview von einem von
insgesamt nur 5 Überlebenden. Der Mann erzählt von seiner Arbeit im Lager. Wie er als 13-jähriger
zahngold von Zähnen oder von Kieferresten trennen musste und wie er die Kleidung von Tausenden
sortieren musste. Dabei fielen ihm eines Tages die Papiere seiner eigenen Mutter in die Hände und
nun musste er sich als 13-jähriger vorstellen, wie seine Mutter im Gaswagen verzweifelt um ihr Leben kämpfte, ihr Leichnam gerade wenige Kilometer weiter verbrannt wird, ihre Knochen gemahlen und als Düngemittel verkauft wurden. Es läuft einem wirklich eiskalt den Rücken hinunter.

Margarita Stumpf, 23 Jahre – Hinte

lm Staatsarchiv Lodz haben wir mit unseren polnischen Austauschschülern Postkarten von jüdischen Opfern gelesen. Diese Postkarten waren eigentlich gedacht für Bekannte oder Familienangehörige, doch die Briefe wurden nur eingesammelt und kamen nie an. Eine Postkarte war verfasst worden von einer Frau Wagner, die lhren Bekannten erzählte, dass Sie lhren langjährigen Freund heiraten wird, einen Tag nach der Hochzeit schrieb der Ehemann von der Hochzeit. Wenn man sich wieder vorstellt, das diese armen Menschen trotz der Umstände versuchten ihr Leben zu leben, weil Sie nämlich die Hoffnung hatten, bald wieder in lhrer Heimat zu sein, macht mich das sehr traurig. Viele Postkarten waren von den Nazis, als ,,unzulässig" gekennzeichnet, da sie wahrscheinlich inhaltlich zu viel von den Lebensbedingungen erzählten. Die meisten Briefe waren jedoch voller Hoffnung und Bitten, nach Antwort, aber auch nach Geld und Essenspaketen. Man liest, spricht und hört viel von der Zeit der Judenverfolgung. Doch wenn man direkt an dem Ort der Tat steht, wird es einem erst richtig bewusst, was in dieser Zeit geschah. Es bleibt ein Gefühl von Trauer, Schrecken und Unverständnis.


Natalja Fertich, 22 Jahre - Emden

Am letzten Tag unserer Studienreise haben wir die Gedenkstätte in Chelmo besucht. Dieser Besuch,
der hat mich wirklich berührt. lch wusste zwar schon davon, was für schreckliche Sachen mit
Menschen gemacht worden ist, aber wenn man vor Ort ist und auch nochmal alles erzählt bekommt,
hat man die Bilder vor Augen und man ist einfach geschockt. Es ist widerlich, was die Menschen gemacht haben. Wir sind außerdem zu den Massengräbern gefahren. Dort haben wir sogar Menschenknochen gefunden, die eigentlich wie kleine, weiße Steine aussehen. Die Fahrt nach Lodz war eine gute aber auch eine schockierende Erfahrung. Den Besuch in Chelmo, den werde ich mit Sicherheit nie vergessen.


Dang Thu Huyen, 18 Jahre - Emden

Am Montag haben wir die polnischen Austauschschüler kennengelernt und mein erster Eindruck war,
dass sie sehr nett sind. Wir waren anschließend in der Stadt, auf dem jüdischen Friedhof und
im Gebiet des Gettos. Am besten hat mir der Grillabend am Mittwoch gefallen. Wir haben Volleyball gespielt und ich glaube, dass die Freundschaft zu den polnischen Schülern dadurch stärker geworden ist. Der Besuch der Gedenkstätte in Chelmno war für mich das intensivste Erlebnis während der ganzen Fahrt. Es war der Ort, an dem man ständig eine Gänsehaut hatte. Manchmal fühlte ich so, als würde das grausam Geschehene nochmals vor meinen Augen ablaufen. Es ist einfach schrecklich zu sehen, wie die Deutschen damals mit den Juden umgegangen sind. Meiner Ansicht nach ist die Fahrt nach Lodz gut gelungen. lch finde die Reise sehr hilfreich, denn ich habe viel von Polen kennengelernt, nicht nur über die Geschichte. Auch der Kontakt zu den Menschen hat mir viel gegeben.

Aleksandra Tarka, 18 Jahre – Lodz

Das Ziel des Austausches war es, zusammen mit den Schülern aus Deutschland lnformationen über
die Juden aus Emden zu finden. Deswegen gingen wir alle z.B. ins Archiv, um nach Postkarten der
deutschen Juden zu suchen. Wir besichtigten auch Lodz und alle Plätze, die mit der jüdischen
Geschichte verbunden sind. Am Ende des Austausches fuhren wir nach Chelmno, wo sich im 2.
Weltkrieg ein Konzentrationslager - eine Todesfabrik befand. Außerdem lernten wir einander besser
kennen, zum Beispiel während eines Grill- oder Kegelabends. lch freue mich sehr, dass ich die
Gelegenheit hatte, mit ausländischen Schülern zu sprechen und vielleicht auch neue Freundschaften
zu schließen.


Zuzanna Ploska, 18 Jahre - Lodz

Während des Schüleraustausches im Mai suchten wir nach den Spuren der Juden aus Emden. Der
Bahnhof von Radegast ist die Station, wohin die Juden aus Emden gebracht wurden. Dort kann man
Transportbriefe aus der Zeit, in welcher das Ghettos bestand, sehen. Wir gingen auch in das Staatsarchiv. Mit unseren Austauschpartnern recherchierten wir Postkarten,die von 1941 bis 1942 geschrieben worden sind. Am Freitag fuhren wir nach Kulmhof an der Nehr, wo die Nazis 1941 ein Vernichtungslager eingerichtet haben. Die Atmosphäre an diesem Ort war sehr deprimierend. lch war mir vorher nicht bewusst, dass es dort noch so viele persönliche Gegenstände der ermordeten Leute gibt. Wir konnten Tassen, Schmuck und Kosmetiksachen sehen. lch meine, dass niemand von uns erwartete, dass die Reise auf uns einen so großen Einfluss haben würde. Dieser Ausflug war sehr aufschlussreich für uns. Wir lernten viel über die Geschichte der früheren Generationen und ich hoffe, dass sich das in der Zukunft auszahlen wird.


Karolina Kupis, 18 Jahre - Lodz

Das Ziel des Deutsch-Polnischen Schüleraustausches war die Suche nach den Spuren der 1941 nach
Lodz deportierten Juden aus Emden. Sowohl die deutschen als auch polnischen Schüler hatten
lnteresse, die Geschichte der Leute kennenzulernen. Wir fingen mit dem Besuch auf dem Jüdischen Friedhof an, wo wir viele Gräber sehen konnten. Der andere interessante Platz war die Radegaststation, der Ort der Ankunft der Juden in Lodz. Die nächste Etappe war der Ausflug in das Archiv. Wir kamen dorthin mit der Absicht, die Briefe und Postkarten von den Leuten, die im Ghetto gewohnt haben, zu lesen. So konnten wir sehen, wie das Leben damals im Ghetto ausgesehen hat. Zuletzt fuhren wir nach Kulmhof wo sich das Vernichtungslager in der Zeit des Zweiten Weltkrieges befand. Dieses Erlebnis war für uns sehr traurig, aber auch aufschlussreich. Es war sichtbar, dass alle Schüler berührt waren. Abgesehen von den Besichtigungen verbrachten wir viel Zeit gemeinsam, um uns näher miteinander bekannt zu machen. Für mich war der Schüleraustausch sehr gelungen. lch hoffe, dass unsere Freunde aus Emden meine Meinung teilen. lch freue mich schon auf den Besuch in ihrer Stadt.


Maks Mikolajczyk, 16 Jahre - Lodz

Zuerst haben wir die Schüler aus Emden bei unserer Schule begrüßt und uns kennengelernt. Dann
fuhren wir zur Station Radegast und hörten viel über das Ghetto Litzmanstadt. Danach sind wir zum
Jüdischen Friedhof gegangen und haben das Feld für die vielen Ghettoopfer gesehen. Zwei Tage
waren der Arbeit in dem Staatsarchiv gewidmet, wo wir nach Spuren der Juden suchten, die von
Emden nach Lodz deportiert worden sind. Wir recherchierten alte Postkarten auf den Mikrofilmen.
Das fand ich sehr interessant. Am Freitag sind wir nach Chelmno gefahren. Da sind wir über die Opfer
des Vernichtungslagers informiert worden. Für uns waren auch die Freizeitaktivitäten sehr interessant. Wir sind ins Einkaufszentrum Manufaktura gegangen und da haben wir gekegelt. Wir
hatten auch gemeinsam Unterricht und der machte viel Spaß.


Mikolaj Panasiuk, 16 Jahre - Lodz

Während des Austauschprogramms fuhren wir unter anderem zum Bahnhof Radegast und zum
jüdischen Friedhof. Wir gingen ins Archiv, um nach Spuren der Juden aus Emden zu suchen. An
einem Tag begaben wir uns nach Chelmno, wo das Vernichtungslager war. Wir hatten auch
gemeinsam Deutschunterricht. Polnische Schüler lasen deutsche Zungenbrecher und die Deutschen
lernten polnische Sätze. Den Unterricht zu Stereotypen in den Verhaltensweisen der beiden Nationen
fand ich sehr interessant. Eines Abends machten wir zusammen ein großes Lagerfeuer außerhalb der
Stadt, wir aßen und spielten Volleyball. Den ganzen Austausch finde ich Klasse!



Emder Zeitung vom Sonnabend, 14.07.2012                  EZ 14.07.2012




17 Schüler begaben sich auf die Spur deportierter Juden

Emder sichteten mehr als 11 000 Postkarten, die ihre Adressaten nie erreichten.

Von EZ-Redakteurin INA WAGNER

Emden. Die letzten Lebenszeichen ostfriesischer Juden, die im Oktober 1941 nach Lodz deportiert worden waren, im Staatsarchiv der polnischen Stadt zu finden, - das war der Zweck einer Reise, die 17 Schüler unter der Leitung von Dr. Rolf Uphoff, dem Vorsitzenden der Max-Windmüller-Gesellschaft, und Berufsschullehrer Gero Conring unternommen haben. Sie kamen mit vielen Erfahrungen, aber auch erschüttert zurück.Denn die 17- bis 23-Jährigen entdeckten im Staatsarchiv in einem Konvolut von rund 11 000 Postkarten letzte Briefe von Sara Hartog aus Aurich, Lazarus Altgenug aus Norden und Julius Goldschmidt sowie Aaron van der Walde aus Emden. Der Inhalt: eigentlich banal. Man bestätigte eine Geldüberweisung, hätte damit aber auch ein Lebenszeichen gegeben - wenn, ja wenn die Karten auch angekommen wären. Aber sie wurden nicht einmal abgeschickt, sondern eingesammelt und archiviert. So blieben sie erhalten.
Gänsehaut
Den Augenblick, als sie die vergilbte Karte von Aaron van der Walde in der Hand hielt, beschreibt die 17-jährige Antje Zents so: „Das war der Moment, in dem ich eine Gänsehaut bekam und mir klar wurde, wie wichtig es ist, was wir taten, und dass es wirklich Zeit wurde, diese Briefe zu entdecken.” Ähnliche Empfindungen bewegten auch Agata Stawinski und Weronika Palkowska. Die beiden 17-Jährigen besuchen, wie auch alle andern Mitreisenden, das Berufliche Gymnasium der Berufsbildenden Schulen II. Sie hätten in den letzten Zeugnissen dieser Menschen ablesen können, dass die Nationalsozialisten die Juden als wertloses Material betrachtet und behandelt hätten. „Das war wirklich schlimm”, sagt Agata. Und Weronika empfiehlt allen, sich selber auf einen solchen Besuch einzulassen. „Man muss das wirklich mal erlebt haben.” Insgesamt waren es fünf Karten aus dem Altersheim in der Gnesener Straße 26 / Ghetto Litzmannstadt, die gefunden wurden. „Unter unsäglichen Bedingungen mussten die betagten Emder in drangvoller Enge im Altersheim des jüdischen Ghettos die letzten Monate vor der Ermordung in Chelmno zubringen”, sagt Rolf Uphoff. Neben dem Bahnhof mit Gedenkstätte in Radegast, dem jüdischen Friedhof in Lodz und dem Ghetto in der Altstadt besuchten die Schüler auch den Vernichtungsort Chelmno. „Man weiß zwar, dass es diese schreckliche geschichtliche Phase gab, aber man denkt sich das ganz weit weg”, schildert Margarita Stumpf (23) diese Konfrontation. „Dann steht da aber plötzlich der Name der Stadt, in der man jeden Tag sein Leben lebt.”Zweites Ziel des Besuches war der Schüleraustausch mit der Europäischen Schule Lodz. Dort nahmen die Emder am englisch- und polnischsprachigen Unterricht teil und erlebten an einem Tag eine abenteuerliche Kanufahrt.„Unser Besuch war also nicht nur mit traurigen Erlebnissen verbunden”, versichert Gero Conring, der von seiner „tollen Gruppe” schwärmt.
Neun Nationen
Immerhin befanden sich junge Erwachsene aus neun Nationen mit auf Reisen. Die Emder Besucher haben ihre Wurzeln in Vietnam, Thailand, Togo, Polen, Marokko, Kasachstan, Russland, den Niederlanden und Deutschland. „Wir hatten das Glück, dass uns neben Agata und Weronika auch noch Hans-Christian Bauer von der Stadtbücherei begleitete. Er hat lange in Polen gearbeitet und spricht die Sprache sehr gut.” Somit war die Gruppe gut mit Dolmetschern ausgestattet. 2013 werden die polnischen Schüler mit ihren beiden Lehrerinnen Emden besuchen. Das steht schon fest, und die Gruppe überlegt, wie sie sich für die aufregende Kanufahrt revanchieren kann. Vielleicht mit einer Tour durchs Watt.Um die Fahrt überhaupt durchführen zu können, hatte sich Uphoff im Vorfeld mit dem städtischen „Centrum Dialogu“ von Lodz in Verbindung gesetzt. Dieses kümmert sich um die Aufarbeitung der Geschichte des Ghettos, stellte aber auch die Kontakte zur Schule her. Die Reise wurde gefördert durch die Stadt Emden und das Deutsch-Polnische Jugendwerk. Der Ertrag der Reise soll in einer Ausstellung im nächsten Jahr und eventuell auch in einer Begleitpublikation niedergelegt werden.

Emder Zeitung vom Freitag, 08.06.2012                  EZ 08.06.2012






Wo die Menschen als Insekten gesehen wurden


Berufsschüler suchten in Polen die Spuren der 1941 aus Emden deportierten Juden
Bei dem Austausch lernten die Jugendlichen nicht nur Polen kennen und schätzen.
Sie fanden auch Postkarten, die ostfriesische Juden im Getto geschrieben hatten.


Von Heiner Schröder

Weronika Palkoska und Agata Stawinski (beide 17) wissen es aus dem Unterricht. Wie grausam die Nationalsozialisten waren, welche Verbrechen sie begangen haben, dass sie Juden nicht als Menschen, sondern als Insekten ansahen. Und dennoch waren die beiden Berufsschülerinnen entsetzt, unvorbereitet, als sie auf dem Gelände des Vernichtungslagers Chelmno in Polen standen, als sie im Sand noch Reste der Knochen von ermordeten und verbrannten Juden erkannten, das Gelände mit der großen Kirche und der malerischen Umgebung sahen – im Wissen, dass genau dort vor 70 Jahren Menschen in Bussen mit Autoabgasen umgebracht wurden. „Es ist etwas ganz anderes als im Unterricht“, sagte Agata Stawinski gestern bei einem Pressegespräch im Emder Stadtarchiv. Gemeinsam mit Stadtarchivar Rolf Uphoff und Berufsschullehrer Gero Conring, beide sind auch im Vorstand der Max-Windmüller-Gesellschaft, berichteten sie gestern von einem denkwürdigen Schüleraustausch mit der Europäischen Schule Lodz. Dabei ging es zwar nicht zuletzt um gemeinsamen Spaß und das gegenseitige Kennenlernen. Aber die 17 Schüler der Klassen 11 und 12 des „Beruflichen Gymnasium Technik und Ökotrophologie“ der Berufsbildenden Schulen II in Emden (BBS) waren auch nach Lodz gekommen, um Spuren von 122 Emder Juden zu suchen. Diese 122 waren die letzten ostfriesischen Juden. Sie wurden 1941 erst ins Getto nach Lodz gebracht und später im Vernichtungslager Chelmno umgebracht. Die Emder Schüler sichteten im Staatsarchiv von Lodz 11 000 Postkarten. Die Nationalsozialisten hatten zwar die Juden umgebracht, verbrannt, ihnen sogar die Goldzähne gezogen. Aber die Postkarten, die die Juden aus dem Getto-Altersheim an der Gnesener Straße 26 an Freunde und Verwandte schicken wollten, wurden fein säuberlich abgelegt, archiviert. Ihr Ziel erreichten sie nicht: Keine Karte ließen die Nazis aus dem Getto. Auf einigen Postkarten stand der Satz: „Wir bestätigen Euch den Empfang des Geldes“. Aber diese Nachricht erreichte die Geldgeber nie. Insgesamt fünf Postkarten ostfriesischer Juden fanden die Emder im Archiv. Sie trugen die Namen von Sara Hartog aus Aurich (zwei Karten), Lazarus Altgenug aus Norden, Julius Goldschmidt und Aaron von der Walde aus Emden. Die Postkarten waren der Bezug zu Emden. Den BBS II und der Max-Windmüller-Gesellschaft als Veranstaltern der Fahrt war es gelungen, „Geschichte begreifbar zu machen“. Weronika hat erst auf dem Boden von Chelmno richtig verstanden, was es heißt, dass die Nationalsozialisten „Juden als Insekten betrachteten“. In Chelmno hörten Weronika und Agata auch von der wahren Geschichte eines damals 13-Jährigen, der toten Juden die Goldzähne ziehen musste. Und der dabei die Kleidung seiner Mutter erkannte. Agata: „Wenn man so etwas im Unterricht hört, steckt man es weg, hat die nächste Stunde, denkt nicht mehr groß darüber nach. Wenn man aber da ist ...“ Weronika und Agata kamen mit den polnischen Schülern besonders gut klar – sie sprechen noch polnisch. Sie erzählten von den großen Augen der polnischen Schüler, als sich die Deutschen vorstellten, die Jan und Antje hießen, aber auch Ayaovi, Quynh Trang oder Ketsarin – Emder, die aus Vietnam, Kasachstan oder eben aus Polen stammen. In Lodz stellte sich das Multikulti-Deutschland von heute vor, das übrigens die polnischen Gastgeber nicht nur mit Bier, deutscher Arroganz und Mercedes in Verbindung bringen, sondern auch, wie Agata lachend erzählte, mit – Haribo.

Ostfriesenzeitung vom Freitag, 08.06.2012                 OZ 08.06.2012






Max Windmüller half 1944 ihm bei der Flucht

Heinz Moses 92-jährig in Israel gestorben

Am 10. Januar ist in Israel Heinz Moses gestorben. Das teilte die Max-Windmüller-Gesellschaft gestern mit. Moses starb im Alter von 92 Jahren in Kfar Saba. Er gehörte zu den jungen Juden, die sich 1944 mit Hilfe des Emder Widerständlers Max Windmüller von Holland aus nach Spanien retten konnten. Später, in Israel, heirateten er und die Emderin Gustel Nußbaum. Dem Engagement von beiden ist es zu verdanken, dass die meisten Werke des ermordeten Malers Felix Nußbaum, einem Vetter Gustels, in Belgien sichergestellt werden konnten. Aus diesem Nachlass entstand seit 1971 die Sammlung des Felix-Nussbaum-Museums in Osnabrück. 1982 waren Heinz und Gustel Moses beteiligt am Gelingen des Treffens mit überlebenden Emder Juden. 

Emder Zeitung vom Mittwoch, 15. Februar 2012                      EZ 15.02.2012