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3.-10.09.2017 - Emder Schüler in Israel - siehe in: Exkursionen 2017

Eine Reise nach Lodz Projekt mit BBS II Emden, www.emden-lodz.de

Stolpersteine auf der Homepage der Stadt Emden, www.emden.de                                 

Letzte Änderung
November 15. 2017 10:52:42
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Presse 2011

 
 
 
Yizchak Windmüller auf Foto erkannt
 
In der 712. Folge der Serie „Emder erzählen“, die am 19. November mit dem Titel „Das Ungeheuerliche gesehen“ erschien, haben wir das Foto einer Gruppe von Schülern vorgestellt, unter denen Yizchak Windmüller, der Bruder des jüdischen Widerstandskämpfers Max Windmüller vermutet wurde. Aufgrund der starken Vergrößerung in der Veröffentlichung im Wochenmagazin der Emder Zeitung haben einige Leser, aber auch die Besitzerin des Bildes selbst, die 93-jährige Erzählerin Elfriede de Boer, Yizchak Windmüller, genannt Isi, wiedererkannt. Er war ein Freund der Familie de Boer und steht links neben seinem Kameraden, dem Ehemann der Erzählerin, Anton de Boer. Yizchak Windmüller war einer der wenigen Brillenträger in der damaligen Zeit. Auf dem Bild ist er der einzige mit Brille. Das Bild zeigt Emder Schüler bei einer Schiffstaufe auf der Werft in der Zeit der Nationalsozialisten.
 
Emder Zeitung vom Samstag, 3.12.2011                  EZ - 3.12.2011                EZ 3.12.2011 - Yizchak Windmüller - Ausschnitt
 
 
 
 
 
Das Ungeheuerliche gesehen
 
Die 93-jährige Elfriede de Boer, geborene Schnell hat mit ihrem Mann Anton de Boer über viele Jahre Freundschaften zu Emder Juden in Israel gepflegt. An gegenseitige Besuche erinnert sie sich immer wieder gerne und verwahrt mehrere Briefe, die Einblicke in das Leben jener Emder geben, die einmal hier verwurzelt waren, alles verloren und ihr Leben lang nie zur Ruhe kommen konnten.
Niemals werde ich meine Gefühle und Eindrücke vergessen, die mich am Morgen des 10. November 1938 bewegten. Es war der Morgen nach der Pogromnacht und es entwickelte sich eine Situation, die mein ganzes zukünftiges Leben beeinflussen sollte…
Es ist zwar schon 73 Jahre her, aber ich erinnere mich noch ganz genau. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 haben in ganz Deutschland jüdische Synagogen gebrannt - auch unsere Emder Synagoge in der Bollwerkstraße.
Am Vorabend, am 9. November 1938, beschlich mich eine Art Langeweile. Ich suchte Abwechslung und wollte ins Kino gehen. Damals wohnte ich mit meinen Eltern und Geschwistern am Treckfahrtsweg. Im Apollo, wo meine Schwester Marga als Kassiererin arbeitete, lief ein lustiger Film. Es war eine bedrückende, von gegenseitigem Misstrauen überschattete Zeit und die Menschen waren dankbar, im Kino auf heitere Weise Zerstreuung zu finden. Mir war allerdings an jenem Abend nicht danach zumute, etwas zum Lachen anzuschauen. Daher ging ich allein in die „Lichtspiele“ Am Bollwerk. Dort lief ein ernsterer Film mit dem Titel „Frau Sixta“, und zwar mit der damals ganz jungen Schauspielerin Ilse Werner. Die Geschichte spielt im 19. Jahrhundert in den Ötztaler Alpen: Frau Sixta führt die Poststation und kümmert sich nach dem Tod ihres Mannes außerdem um den Hof. Sie beginnt eine Liebesbeziehung mit dem Mann, den sie als Hofverwalter einsetzt, aber der findet später eher Gefallen an ihrer Tochter. Eine heftige Geschichte. Für diesen ernsten Kinofilm entschied ich mich an jenem 9. November 1938.
Ein paar Reihen vor mir, ebenfalls auf den billigen Plätzen, saßen einige junge Burschen aus Harsweg. Einer von ihnen war Anton de Boer. Ich kannte ihn vom Ansehen. Der Junge, der neben Anton saß, drehte sich ständig nach mir um. Ich hörte, wie Anton irgendwann zu ihm sagte: „Guck’ dich doch nicht dauernd um!“ Auf dem Heimweg beschäftigte ich mich gedanklich mit dem Thema des Films. Auch die Harsweger Jungen und alle anderen Kinobesucher gingen ihrer Wege. Der Film wird gegen 22 Uhr beendet gewesen sein.
Anderntags traf ich Anton ganz zufällig Am Bollwerk wieder. Wir redeten kurz miteinander und gingen währenddessen ein Stück zu Fuß. Anton schob sein Fahrrad, mit dem er unterwegs war, neben sich her. Als wir in die Bollwerkstraße einbogen, sahen wir plötzlich das Ungeheuerliche: Die Synagoge lag in Schutt und Asche. Am Vortag hatten wir nichts von der Zerstörung mitbekommen. Wie wir später erfuhren, waren die Synagogenbrände im gesamten Deutschen Reich auf ein Uhr nachts beordert worden. Um diese Zeit lag ich längst in meinem Elternhaus in meinem Bett.
Beim Anblick dessen, was von der Synagoge übrig geblieben war, fühlte ich mich völlig erschüttert, mochte mir aber meine Gefühle nicht anmerken lassen. In der damaligen Zeit traute keiner dem anderen. Ich kannte Anton ja gar nicht wirklich. Wenn er ein Nationalsozialist gewesen wäre, hätte er mich womöglich fertig machen können, wenn er gemerkt hätte, dass ich diese Zerstörung von jüdischem Eigentum nicht gutheißen kann. Ich fragte mich die ganze Zeit, wer wohl dieser Mensch tief in seinem Innern sei, der hier neben mir steht. Ich beobachtete ihn sehr genau. An seiner Miene, seiner Gestik und seinem Verhalten konnte ich schließlich ablesen, dass er genauso fassungslos war wie ich. Wir verstanden uns - stumm vor Entsetzen. Unser Weinen ging nach innen, denn unter dem Druck durfte man nichts, was einen bewegte, nach außen zeigen.
In dieser extremen Ausnahmesituation habe ich sozusagen im Zeitraffer einen mir bis dahin nahezu fremden Menschen aufs Intensivste kennen gelernt. Anton und ich verharrten auf der Straße im Anblick der Synagogentrümmer und erschraken gemeinsam, nach außen nicht sichtbar, aber für uns nebeneinander stehend spürbar und sprachlos, schockiert, gelähmt - ich weiß nicht wie ich den Zustand beschreiben kann. In diesem Moment waren Anton und ich uns sehr nah und hatten ein starkes Zugehörigkeitsgefühl. In jener Situation hätte sich keiner von uns verstellen können. Aus dieser Seelenverwandtschaft entwickelte sich seit unserer Heirat 1943 eine jahrzehntelange Ehe - bis Anton 2002 starb.
Selbst Jahrzehnte später spüre ich immer noch die Empfindungen von damals. Mit diesen trüben, nebligen Novemberwochen, die wir zur Zeit haben, ist auch das Schicksal der Emder Juden bis heute verbunden. Und ich denke wieder daran, was ich damals gesehen habe. Immer, wenn am 9. November an die Pogromnacht erinnert wird, denke ich an unsere Freunde, die sich nach Palästina haben retten können. Mit Yizchak Windmüller, einem Klassenkameraden meines Mannes, und seiner Familie waren mein Mann und ich über viele Jahre befreundet. Wir haben uns gegenseitig besucht und sie haben uns häufig aus Israel geschrieben. Yizchak war ein Emder Jude und der ältere Bruder des am 7. Februar 1920 geborenen Widerstandskämpfers Max Windmüller.
Der vor einigen Jahren verstorbene Emder Hermann Heits, der auch viele Jahre den Kontakt zu den Emder Juden in Israel pflegte, war ein Klassenkamerad von Yizchak, genannt Isi. Auch Anton war zusammen mit ihnen in einer Klasse in der Oberrealschule Kaiser Friedrichs-Schule Am Bollwerk. Anton, Jahrgang 1916, und der 1915 geborene Isi waren beste Freunde. Isi wohnte in der Lienbahnstraße, Anton in der Celosstraße.
Anton ging bei der Familie Windmüller ein und aus und auch Isi war oft im Hause de Boer. Wie Hermann Heits erzählte, war auch Isi 1933 noch in Deutschland, denn er hat in jenem Jahr der Machtergreifung mit den anderen Jungen den Oberrealschulabschluss gemacht. Ich weiß dies nur aus Erzählungen, denn damals gehörte ich noch nicht zum Kreis von Antons Freunden. Soviel ich hörte, kam Isi 1934 in Palästina an.
Im Jahre 1981 nahmen mein Mann und ich an einen Bildungsurlaub in Israel teil - organisiert von Marie Werth. Vierzehn Tage lang waren wir dort und trafen unter anderem die Familie Windmüller. Ich lernte Isi kennen, den mein Mann auch lange nicht gesehen hatte, und Isis Frau Shoshana, die aus Dresden stammt sowie die beiden Söhne. Sie alle waren wunderbare Menschen.
Nach der Machtergreifung 1933 wurde es für die Familie Windmüller in Deutschland zu brenzlig und sie planten ihre Auswanderung nach Holland. Dem Vater von Max und Isi, dem Viehhändler Moritz Windmüller, war bereits von den Behörden die Gewerbeerlaubnis entzogen worden. Das Ehepaar Moritz und Jette Windmüller, geborene Seligmann hatte fünf Kinder. Max arbeitete im Widerstand und versuchte Jugendliche und Kinder zu retten. Kurz vor Kriegsende, am 21. April 1945, wurde er von einem SS-Mann erschossen.
Bevor die Juden nach Palästina auswandern durften, mussten sie zunächst eine Handwerkerlehre absolvieren. Isi wählte den Tischlerberuf. Er arbeitete später dann in Israel auch als Gymnasiallehrer und wurde Direktor an einem Gymnasium in Tel Aviv. Als Pensionär schrieb er einige Bücher, unter anderem „Die Schattenrevue“. Darin geht es um die Gedanken der Juden, der trotz allem Geschehenen nach dem Krieg wieder nach Deutschland reist….“. Einige Bücher von Isi, die er uns geschenkt hat, verwahre ich bis heute.
Was sein Bruder Max leistete, wissen wir aus Zeitungen und Berichten von seinem Leben. Seit 1998 ist ja eine Straße in Emden nach ihm benannt, die Max Windmüller-Straße.
Isi hat uns bei unserem Besuch in Israel 1981 folgendes erzählt: „Mein Bruder Max befand sich schon auf dem Schiff in Holland zur Abfahrt bereit nach Israel. Seine Widerstandshelfer sagen: ‚Nun lässt Du uns ganz allein?’ Schnurstracks geht Max wieder vom Schiff zu seinen Freunden, um weiter mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten, sie zu betreuen und zu retten. Durch die tragische Erschießung durch einen SS-Mann wurde seinem Leben ein Ende gesetzt.“
Als wir in Israel waren, hatte uns Frau Shulamith Yaari, die in Emden als Sophie Nussbaum lebte, noch ganz groß eingeladen. Ihr Mann hat uns seinerzeit die Landwirtschaft in Israel vor Augen geführt. Wie groß die Angst der anständigen Deutschen war, durch Sympathien zu Juden diffamiert zu werden, hatte sie ja vor einigen Jahren in der Serie „Emder erzählen“ berichtet. Da ging es um den Schwimmlehrer Baum, der einen etwa zehnjährigen Jungen maßregelte, der Shulamith und ihre Schwester in der Badeanstalt am Eisenbahndock belästigt und sogar geschlagen hatte, nur weil sie Juden waren. Herr Baum hätte für diese judenfreundliche Haltung auf Nimmerwiedersehen im KZ verschwinden können. EAuch nach unserem Besuch in Israel hielten wir Briefkontakt zu unseren Freunden dort. Aus Ra’anana schrieb Isi am 13. Juni 1985:
„Liebe Elfriede, lieber Anton!
Wie schnelllebig die Welt doch ist. Euer Brief wurde am 8.5. geschrieben. Und was ist seitdem hier bei uns alles geschehen! Jeder Tag bringt irgendetwas Neues, und meistens nicht gerade Erfreuliches. ... An eine Reise nach Emden, oder überhaupt ins Ausland können wir dieses Jahr nicht denken. Die Regierung hat uns mit so hohen Ausreisesteuern belegt, dass das Reisen für uns unerschwinglich ist. Auf eine Person kommen 300 Dollar Steuern, außerdem noch 2o Prozent Abgaben auf die Fahrkarte, Flugkarte natürlich, dann noch 10 Dollar Airportsteuer. Außerdem darf man per Person nur 800 Dollar mitnehmen. Im September will man diese Steuern wieder herunternehmen, aber man kennt das schon, meistens bleibt es so, Vielleicht gewinnen wir doch mal was im Lotto oder in der Staatslotterie! An und für sich fahren die meisten Israelis nur deshalb in der Welt herum, um mal einen Monat oder so ohne die täglichen Aufregungen zu sein, die es hier gibt. Mal keine Neuigkeiten hören zu müssen, mal nicht an die wahnsinnige Inflation denken zu müssen, mal nicht die fast täglichen Drohungen Syriens oder anderer Feinde miterleben zu müssen! Das allein bedeutet schon Ferien für manche von uns. Dabei ist es hier so schön, und es könnte wunderbar sein, wenn man uns doch endlich Ruhe gönnen würde. Viele würden dafür auf vieles verzichten. ...
Um ihren Sohn bei Auftritten zu hören, zog es Isi und Shoshana Windmüller gelegentlich nach Europa. Yaron, der Bariton und Gesangspädagoge, wurde 1956 in Israel geboren. Seit 1997 ist er Professor an der Hochschule des Saarlandes für Musik und Theater. Oft ging er auf Tournee sowohl in Israel als auch in Europa. Am Sonnabend, 22. Mai 1982, hatte er in Emden im Rahmen der israelischen Besuchswoche einen Auftritt im Neuen Theater zusammen mit Thomas Russell, der am Klavier saß. Es gab Werke von Franz Schubert, Robert Schumann und Henry Purcell. Anton und ich haben dieses Konzert auch besucht. Es war wunderschön.
Am 12. April 1986 schrieb Isi uns in einem Brief: „…Unser Sohn Yaron bedankt sich für die freundschaftliche Aufnahme durch die Emder…“
In einem weiteren Brief vom 14. Juni 1987 schrieb Isi Windmüller:
„…Ihr kennt doch sicher das Lied von den zwei Königskindern, die nicht zusammenkommen konnten, weil „das Wasser war viel zu tief“. Wenn wir der eine Teil der Königskinder sind (wie eingebildet, nicht wahr?) und Ihr oder die Stadt Emden der andere Teil, dann passt das dieses Mal. Wir müssen nämlich unsere Reise abblasen, sowohl nach Emden, Amsterdam als auch nach München. Ich bin schon seit einer Woche krank mit einem Virus…“
Isi wurde sehr krank und hatte auch einen Schlaganfall. Am 19. November 1987 schrieb er aus Ra’anana:
„Jetzt will ich doch endlich einmal Euren Brief vom 29.9. beantworten. Ja, die Operation habe ich hinter mir, sie fand am 21. Oktober statt, und ich blieb im Hospital bis zum 30. Oktober, also den Geburtstag verbrachte ich dort. Allmählich stellt sich die bessere Lebensqualität, von der man letztens soviel spricht, wieder ein, und das war ja auch wohl der Zweck der Operation. Sie selbst war nicht schwer, aber die Schmerzen der darauf folgenden Tage waren schwer auszuhalten. Am ersten Dezember muss ich zur Nachuntersuchung, aber das ist wohl hauptsächlich eine formelle Angelegenheit.
Genug davon, jedenfalls danke ich Euch für die guten Wünsche. Nun bin ich also ein Pensionär, und leider kann ich nicht sagen, dass ich diese Tatsache schon ausgenützt habe. Sobald meine Kräfte zurückgekommen sind, werde ich einen festen Tagesinhalt einhalten. Bei Euch ist das ja wesentlich einfacher durch den Garten, den Besitzer eines solchen wohl immer sehr auf Trab halten. Ein guter Freund aus Bremen schreibt uns regelmäßig, was er gerade in seinem wohlgeordneten Garten anpflanzt. Genau wie Du, Anton, beklagte er sich sehr über den vergangenen Sommer und hofft auf den nächsten, der besser sein sollte. Aber bis dahin muss man ja erst den Winter hinter sich bringen.
Bei uns ist der Herbst die schönste Jahreszeit, nur meistens ziemlich kurz. Diesmal hält er länger an, es sollte, kalendermäßig, schon Winter sein, aber bei 24.26 Grad in unserer Gegend kann man von Winter wohl nicht reden. Doch es hat schon gut geregnet und zwar in solchen Strömen, dass es auch einige Todesfälle gab, besonders im Negev, wo der Lößboden kleine Bäche sofort in reißende Ströme verwandelt. Für das Wochenende hat man wieder Regen angesagt bei fallender Temperatur, aber das begrüßen wir nur.
Eure Klassenzusammenkünfte müssen doch eigentlich etwas traurig sein, denn der Kreis wird ja immer kleiner. Das ist schade, auch mit Arthur Engler, der schon so lange leidet. Wir haben seiner Frau seinerzeit geschrieben und auch einmal telefoniert.
Von Heinz Ommen habe ich lange nichts gehört, ich hoffe, dass bei ihm alles in Ordnung ist. Zu unserem Neujahr hat Walter Philipson mir geschrieben, und ich habe geantwortet, werde ihm aber bald nochmals schreiben, Unsere Briefe mit Ida haben sich gekreuzt, sie hatte lange nichts von sich hören lassen und wir waren schon sehr besorgt, denn schließlich ist die Dame schon sechsundachtzig und doch schon ziemlich kränklich. Nun wissen wir wenigstens, dass es ihr, altersgemäß gut geht.
Heute am Vormittag habe ich einen längeren Brief an das Amt für Öffentlichkeitsarbeit in Emden geschrieben, Antwort auf zwei Schreiben, in denen uns, den Emder Juden hier und in der Welt Mitteilung gemacht wurde von Plänen zu einem Denkmal für die ermordeten Emder Juden. Es ist schon lange her, und inzwischen ist ein anderes Deutschland erstanden, aber ich würdige es sehr, dass man die grauenhafte Vergangenheit nicht vergessen will. Wie die Gedenktafel aussehen wird, oder das Denkmal, weiß ich nicht. Bei der Liste der Toten fehlte der meines Bruders Salo, aber das habe ich mitgeteilt.
Heute vor zehn Jahren kam Anwar Sadat in Israel an, ein mutiger Schritt, der zum Frieden mit Ägypten geführt hat. Jetzt haben die anderen arabischen Brüder Ägypten diesen Schritt verziehen. Vielleicht wird doch noch ein anderes arabisches Land dem Beispiel Ägyptens folgen, wir hoffen es. Leider macht unser Ministerpräsident (Jitzchak Schamir, Anmerkung der Redaktion) seinerseits Schwierigkeiten, aber unser Außenminister (Schimon Peres, Anmerkung der Redaktion) lässt nicht locker. Im kommenden November haben wir Neuwahlen, vielleicht wird sich das Bild dann ändern! Allerdings sieht es nicht danach aus.
Ich lese im Augenblick „Die Mission“ von Hans Habe. Sehr interessant und traurig. Habe hat eine schöne Sprache. Wir lesen überhaupt hauptsächlich deutsche Bücher.
So, nun wäre das für heute alles. Shoshana lässt herzlich grüssen, sie ist sehr beschäftigt. Euer Freund Yizchak-Isi“
Am 20. Dezember 1990 schrieben Shoshana und Yizchak-Isi Windmüller eine Weihnachtskarte an uns und wünschten ein gesundes und friedliches Jahr 1991: „…Bei uns sieht es nicht nach Frieden aus. Trotzdem wollen wir zuversichtlich sein. Alles Gute! Schalom…“
Eine Karte von Shoshana, in der sie sich am 18. Dezember 1999 für unsere Neujahrsgrüße bedankte, enthielt eine traurige Nachricht:
„…Leider ist Yitzchak nach langer, schwerer Krankheit am 14. Juli gestorben. Er hat, ruhig wie er war, sehr gelitten…“
Die allerletzte Nachricht von den Windmüllers erhielt ich vom Sohn, Yaron Windmüller, am 26. Juni 2002 als Antwort auf meinen Brief, in dem ich ihnen mitgeteilt hatte, dass Anton am 28. April gestorben ist. Yaron schrieb in einem Kondolenzbrief aus Saarbrücken, dass seine Mutter nicht mehr in der Lage sei, selbst zu schreiben, da sie an der Alzheimer-Krankheit litt. „…Meine Mutter hat ihre Neugier und ihr Interesse an der Welt nicht verloren, obwohl sie nicht mehr weiß, wie ihre Enkelkinder heißen….“
Nach diesem Brief habe ich nie wieder etwas von den Windmüllers gehört.
Unsere jüdischen Freunde haben in ihrem Leben immer das Beste aus der jeweiligen Situation gemacht. Leider ist es den israelischen Politikern bis heute nicht gelungen, auf dem Boden der Palästinenser kompromissbereit eine Oase des Friedens zu schaffen. Das Volk würde es sich so sehr wünschen.
Wir fragen wieder: Wer erinnert sich an Begebenheiten von früher? Melden Sie sich bei uns. Unsere Mitarbeiterin Iris Hellmich, die diese Serie betreut, ist unter der Telefonnummer 89 00 430 zu erreichen.
 
Emder Zeitung vom Samstag, 19. November 2011                  EZ - 19.11.2011 - S 54                  EZ - 19.11.2011 - S 55
 
 
 
 
 
 
Laute Splitter ließen die Schrecken der Pogromnacht spürbar werden
 
Jüdisches Ensemble trat im Neuen Theater auf.
Von LISA FRANKENBERGER
 
Emden. Es war laut am Dienstagabend im Neuen Theater. Das lag aber nicht etwa an den vielen Schülern, die einen Großteil der rund 450 Besucher ausmachten. Nein, die Inszenierung „Splitter der Kristallnacht” selbst war laut. Oder auch still, je nachdem, welchen Aspekt man betrachten möchte. Die Musik, die das Stück ständig begleitete, war oft sehr dominant - die Schauspieler agierten eher leise.
Die Aufführung des Theaters Mechaje aus Rostock zeigte in fünf anschaulichen Szenen, wie schnell sich damals das Leben der Juden in Deutschland verändert hat. Die Geschichten machten die Verzweiflung und die Unsicherheit deutlich. Ob die jüdische Ehefrau, die ihren deutschen Mann verlassen will, ob das jüdische Mädchen, das in der Schule gehänselt wird, oder der letzte Jude in der Synagoge – ihnen allen steht ein schweres Schicksal bevor. Das Stück deutet dies allerdings nur an. Am Ende jeder Szene kommen Männer von der SS hinein. Doch anstatt den Protagonisten gewaltsam abzuführen, verlässt dieser schweigend die Bühne und die SS-Männer nehmen stattdessen das Szenenbild mit. Diese bestand aus schmalen, unterschiedliche ausgestatteten Wänden. Je nach Bedarf wurden sie gedreht und illustrierten die Szene schlicht, aber prägnant.
Die Geschichten basieren auf Werken deutscher und jüdischer Schriftsteller sowie auf Erinnerungen von Zeitzeugen. Das Ensemble spielte nur Ausschnitte dieser Werke. Diese waren thematisch gut gewählt und aufschlussreich. Sie gingen nicht ins Detail, ließen den Zuschauer dennoch nicht im Unklaren. Die Inszenierung lebte stark durch die Musik im Hintergrund, die leider zu oft in den Vordergrund trat - auch an den Stellen, an denen es wichtig gewesen wäre, den Text zu verstehen.
Die schauspielerische Leistung war ordentlich. Man nahm den Darstellern ihre Figuren ab und konnte sich gut in die Szenen hineinversetzen. Allerdings sprachen sie teilweise zu leise und undeutlich. Auch der Akzent war stellenweise schwer zu verstehen.
Auf die Frage wie die Aufführung ankam, sagte ein Schüler, der mit seiner Klasse aus Rhauderfehn angereist war: „Ich fand das Stück ganz okay. Aber die Musik war sehr unpassend, zu laut und schrill.“ Andere sahen das ähnlich. Sinngemäß verstanden hätten sie aber alles. Auch die letzte Szene, in der die Darsteller auf der Bühne Kleidungsstücke oder Schmuck niederlegten? „Nee! Können Sie uns das erklären?“
 
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Plädoyer für lebendiges Gedenken

Veranstaltung zur Erinnerung an die Reichspogramnacht.
Von EZ-Redakteurin UTE LIPPERHEIDE

Emden. Was wurde aus den in Emden lebenden Juden nach der Reichpogramnacht 1938? Dieser Frage gingen zwei Schüler des Johannes-Althusius-Gymnasiums nach.
Dennis Lenzhölzer (18) und Jan Mensching (17) präsentierten im Rahmen des Gedenkens an die Pogromnacht im Forum der Volkshochschule mit Hilfe einer Power-Point-Show ihre Erkenntnisse. Und sie verdeutlichten noch einmal den fast 200 Zuschauern die Geschehnisse von damals. „Wir wollen zu einer Form des lebendigen Gedenkens kommen und nicht das Gedenken als reines Ritual bewahren”, sagte der Vorsitzende der Max Windmüller-Gesellschaft und Leiter des Stadtarchivs, Dr. Rolf Uphoff. Geschichte sei keine abgeschlossene Sache sondern immer auch Spiegelbild des eigenen Handelns. Die Max-Windmüller-Gesellschaft, benannt nach dem Emder Juden und Widerstandskämpfer (1920-1945), hat sich zur Aufgabe gesetzt, die jährlichen Gedenkfeiern zur Pogromnacht in unterschiedlichsten Formen durchzuführen.

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„Es macht einen sprachlos”
 
Im Rahmen einer Kursfahrt nach Prag besuchten am Schüler des Jahrganges 12 des Beruflichen Gymnasiums der BBS II Emden Theresienstadt. Heute befindet sich dort eine Gedenkstätte für die Gräuel der NS-Zeit. Im Anschluss haben einige Schüler ihre Eindrücke von dem Besuch im Gestapogefängnis und im Ghetto der Garnisonsstadt zu Papier gebracht. Im Vorfeld war im Geschichtsunterricht thematisiert worden, dass auch jüdische Bürger Emdens im Jahre 1942 den Weg in die Vernichtungslager über Theresienstadt antreten mussten. 
Am 22. Oktober 1942 wurden 23 Mitglieder der jüdischen Gemeinden Ostfrieslands im Alter von 43 bis 90 Jahren mit der Bahn nach Theresienstadt deportiert. Über ein Altenheim in Varel gelangten die als noch reisefähig Geltenden nach Tschechien. Mit ihrem restlichen Vermögen, das noch nicht eingezogen worden war, bezahlten sie angebliche Pflegeplätze in einem regulären Altersheim. Unter den Emder Deportierten waren Esther Nordheimer (90 Jahre) und Lazarus Nordheimer (80 Jahre), Hanni Valk (78 Jahre), Friederike Weinberg (78 Jahre), Salomon Wolff (77 Jahre) und Sara Wolff (78 Jahre). Keiner der Genannten hat das Martyrium in Theresienstadt oder in den Vernichtungslagern überlebt.
Theresienstadt (tschechisch Terezín) wurde im 18. Jahrhundert von dem österreichischen Kaiser Joseph II als Festung gegen die feindlichen Preußen errichtet. Der Charakter der Verteidigungsanlage mit einem umgebenden Wassergraben ist auch heute noch durch den aus Ziegeln errichteten Festungswall ersichtlich. Innerhalb der Gesamtanlage wurde schon von Beginn an neben der größeren Garnison ein kleiner Teil als Militärzuchthaus, später als Gefängnis für politische Gefangene genutzt. Nach der Besetzung richteten die Deutschen im Jahr 1940 in der Kleinen Festung ein Gestapogefängnis ein, in welchem überwiegend oppositionelle Tschechen, Widerstandskämpfer, aber auch Juden inhaftiert wurden. 
Im November 1941 entstand in der innerhalb der Wallanlagen befindlichen Garnisonsstadt das Ghetto Theresienstadt, ein Sammel- und Durchgangslager für Juden. Ab Anfang 1942 musste die in Theresienstadt noch wohnhafte tschechische Bevölkerung die Stadt verlassen, weil die Nationalsozialisten ein „Altersghetto“ für einheimische und europäische Juden einrichten wollten. 
Dem Internationalen Roten Kreuz wurde Theresienstadt als sogenanntes „Vorzeigeghetto“ mit angeblich humanen Lebensbedingungen präsentiert. Nicht vergessen werden darf, dass von den insgesamt 140.000 Gefangenen etwa 38.000 Menschen in Theresienstadt starben, während ca. 90.000 weitertransportiert wurden in die Vernichtungslager nach Osteuropa. 
 
Emder Zeitung vom Samstag, 5. November 2011                                     EZ 5.11.2011.pdf
 
 
 
 
 
 
 
„Erforscht die Schicksale der Emder Juden”
 
Erschütternde Zeitdokumente wurden zum 70. Jahrestag der letzten Emder Juden in der VHS vorgestellt.
 
Emden. Welche Schicksale verbergen sich hinter den Emder Juden, die vor 70 Jahren von den Nazis in das damalige Ghetto Litzmannstadt (heute Lodz) verschleppt und später in Konzentrationslagern ermordet wurden? - Die Münchner Historikerin Dr. Andrea Löw vom Institut für Zeitgeschichte hat nach einem Vortrag zum 70. Jahrestag der Deportation der letzten Juden in Ostfriesland alle Geschichtsinteressierten ermuntert, selbst tätig zu werden, um Briefe, Postkarten und Dokumente im Staatsarchiv von Lodz auszuwerten, um solche Lücken in der Geschichtsschreibung zu füllen. „Diese Briefe liefern vermutlich ein realistisches Bild vom Leben im Ghetto, denn sie wurden schließlich damals zensiert und nicht weitergeleitet.” Nach der Befreiung des Ghettos durch die Rote Armee seien die Dokumente im Staatsarchiv Lodz gelandet.
Dr. Löw zeichnete ein erschütterndes Bild von den Juden im Ghetto, die bis auf den Glauben kulturell nur wenig verband. Als Sprachbarrieren erwiesen sich das Jiddische, Deutsche und Polnische. Westjuden aus gehobenen gesellschaftlichen Schichten lebten auf engstem Raum mit Juden aus den osteuropäischen Ländern zusammen, die meist der Arbeitschaft angehörten, fanden ihre mit Überheblichkeit gepflegte „Karikatur des jüdischen Ostens” fürchterlich bestätigt. „Die Juden aus Deutschland waren keine Schicksalsgenossen, sondern Deutsche, die sich überlegen fühlten.”
Quälender Hunger
Quälender Hunger und die menschenunwürdigen Lebensumstände verbanden schließlich die verzweifelten Menschen, die im umzäunten Ghetto die letzten Kriegsjahre verbrachten. „Alles, was an den trügerischen europäischen Glanz erinnerte, wurde den Menschen entrissen”, zitierte Dr. Löw aus überlieferten Briefen von Juden. Hunger, Krankheiten und die Untätigkeit ließen nur den Willen zum Überleben übrig. Und diese Hoffnung wurde den Menschen genommen, als immer mehr durchsickerte, dass Arbeitstransporte in andere KZ-Lager in Wirklichkeit in den Tod führte. „Menschen veränderten sich innerlich und äußerlich”, sagte Dr. Löw. „Eine zunächst verschmähte Suppe wurde zum Gipfel der Träume.”
Ein 25-minütiger Film von Helmut Müller und Helmut Stomberg zeigte zuvor die Vernichtung der alten jüdischen Gemeinde Emdens.
Wie berichtet, wird auch in den Pelzerhäusern in Emden, in denen bis zum 27. November die Ausstellung „Reise ohne Wiederkehr” gezeigt wird, eine Gedenktafel dauerhaft an die Schicksale erinnern. Stadtarchivar Dr. Rolf Uphoff und Gero Conring von der Max-Windmüller-Gesellschaft hatten die Tafel bereits präsentiert, die nahe des früheren Standorts des jüdischen Altenheims in der Claas-Tholen-Straße angebracht werden soll.
Von dort aus waren am 22. Oktober 1941 zunächst 23 ostfriesische Juden über das jüdische Altenheim Varel nach Theresienstadt verschleppt worden. Wer den ersten Winter in dem Ghetto überstand, ließ laut Uphoff 1943 in Auschwitz sein Leben.
122 der verbliebenen Juden wurde am 23. Oktober in Bahnwaggons ins Ghetto von Lodz (Litzmannstadt) verschleppt, das von den Nazis „germanisiert” werden sollte. Und wer dort überlebte, fand sein Ende im Vernichtungslager Chelmno (Kulmhof).
Die Schicksale der Juden wurden auch nach dem Krieg noch bis in die 1960-Jahre totgeschwiegen, bestätigte Dr. Löw den Einwand von Rico Mecklenburg. Zu tief waren Juristen, Lehrer oder Beamte in den nationalsozialistischen Staatsapparat verstrickt, die längst wieder ihrer Arbeit nachgingen und das gesellschaftliche . Jüdische Historiker, die nach dem Krieg eine Aufarbeitung der Schicksale versuchten, scheiterten an der kollektiven „Verdrängung und dem Nicht-Wahrhaben-Wollen”, wie Dr. Löw es nannte. Manche wurden bedroht und nahmen sich das Leben.
Forschungsarbeit
„Auf uns warten noch eine Menge Forschungsarbeit. Es ist ein langer Weg”, sprach Dr. Uphoff von einer Verpflichtung, die Aufklärung fortzuführen. Während des Zweiten Krieges seien bereits viele Quellen vernichtet worden, um Schuldige zu schützen. Es gehe dabei nicht nur um die historische Aufarbeitung der Schrecken, sondern vor allem auch um die Erforschung der Mechanismen, die in den Städten Emden, Aurich oder Norden zur Vernichtung einer ganzen Volksgruppe geführt hatte. „Wo sind die Mechanismen heute noch wirksam”, appellierte auch Dr. Uphoff an alle, sich persönlich zu engagieren.
Wer im Dritten Reich Fragen nach dem Verbleib der jüdischen Nachbarn stellte, musste selbst damit rechnen, ins Visier der der Geheimen Staatspolizei der Nazi zu geraten, erklärte Dr. Uphoff. „Hilfreich wäre es, die Gestapo-Protokolle aufzuarbeiten.”
Dürftig seien die Hinweise darauf, wie in Emden überhaupt die Wahrnehmung der Verschleppung der Mitbürger gewesen sei. Hatte zunächst die antijüdische Propaganda die Abneigung gegen die Juden geschürt, gipfelte der Hass in Gewalt gegen Menschen und den Besitz der Juden.
Doch selbst in einzelnen zensierten Zeitungsartikeln der „Ostfriesischen Tageszeitung” der Nazis sieht Dr. Uphoff hier und dort in den Formulierungen, dass es in Emden durchaus eine Diskussion gegeben haben muss. Ein Zeitzeuge hatte ihn noch in diesen Tagen berichtet, dass man sich durchaus in der Stadt traf und über Politik und die Schicksale der Juden sprach. Formulierungen, wie „die Juden kehren niemals zurück” hätte keinen Zweifel gelassen. „Ab 1942 wollen die Nazis die Bevölkerung in die Verantwortung des Holocaust einbeziehen.” 
 
Emder Zeitung vom Montag, 24. Oktober 2011                                   EZ 24.10.2011.jpg
 
   
 
 
 
Plakat zum Vortrag "Juden im Ghetto Lodz" von Dr. Andrea Löw       A3_Reise ohne Wiederkehr.pdf
 
 
 
 
    
Emder Gedenktafel gibt 145 Opfern ihre Namen zurück
 
Erinnerung an Deportation der letzten Juden aus dem jüdischen Altenheim Emden bald dauerhaft sichtbar.
Von EZ-Redakteurin GABY WOLF

Emden. An die letzten vor 70 Jahren deportierten jüdischen Bürger Emdens, Nordens und Aurichs soll nun auch dauerhaft erinnert werden. In den Pelzerhäusern, in denen bis zum 27. November die Ausstellung „Reise ohne Wiederkehr” ihren Weg nachzeichnet, präsentierten gestern Stadtarchivar Dr. Rolf Uphoff und Gero Conring von der Max-Windmüller-Gesellschaft eine entsprechende Gedenktafel. Sie soll nahe des früheren Standorts des jüdischen Altenheims in der Claas-Tholen-Straße angebracht werden.
 
Von dort wurden am 22. Oktober 1914 zunächst 23 der dort konzentrierten ostfriesischen Juden von den nationalsozialistischen Machthabern über das jüdische Altenheim Varel nach Theresienstadt verschleppt. Wer den ersten Winter im dortigen Ghetto überstand, ließ 1943 in Auschwitz sein Leben, ist in Uphoffs Begleitheft zur Ausstellung nachzulesen.
 
Der mit 122 weitaus größere Teil der verbliebenen Juden aber wurde am 23. Oktober in Bahnwaggons auf die Reise ohne Wiederkehr geschickt. Ihr Bestimmungsort war das Ghetto von Lodz (Litzmannstadt). Wer dort überlebte, fand sein Ende im Vernichtungslager Chelmno (Kulmhof).
 
Keiner überlebte
 
„Das Altenheim ist eines von mehreren Emder Judenhäusern in diesem System gewesen”, erläutert Uphoff. Errichtet 1914 als Israelitisches Waisenhaus, habe es mangels Waisenkindern ab 1930 Senioren zur Pflege aufgenommen. Nach 1938 wurden die Juden in speziellen Häusern konzentriert. Ab 1940 mussten zahlreiche Familien dann auch diese verlassen. Sie wurden in andere Städte mit größeren jüdischen Gemeinden geschickt. „Während die anderen Emder Judenhäuser schon 1940 geräumt wurden, blieben die Leute im Altenheim zunächst zurück”, sagt Uphoff. Weil es sich entweder um langjährige Bewohner handelte oder um Jüngere, für die man sonst keinen Ort gefunden hatte.
 
Doch 1941 mussten auch diese letzten Juden gehen. Besonders perfide sei gewesen, sagt Conring, dass den alten Menschen suggeriert wurde, sie würden von Emden aus in ein reguläres Alten- und Pflegeheim geschickt. „Dafür haben sie ihr letztes Geld gegeben.”
 
Stattdessen führte der Weg für alle in die Vernichtung. Damit ihre Namen nicht in Vergessenheit geraten, sind alle 145 Juden, die am 22. und 23. Oktober von Emden aus deportiert wurden, auf der Gedenktafel genannt. Die Liste ist ein Abbild jener Tafel, die seit zwei Jahren an der Mauer zum jüdischen Friedhof in Lodz angebracht ist. „Viele Städte haben dort Tafeln aufhängen lassen, um die Deportierten aus der Anonymität herauszuholen”, sagt Uphoff. „Genau das ist auch unsere Intention für die Tafel in Emden.” Diese skizziert zusätzlich die Geschichte des jüdischen Altenheims und passt sich so gestalterisch an die übrigen Geschichtstafeln in Emden an. Genau wie diese wurde auch sie von der Stadt Emden in Auftrag gegeben, das Material lieferte die Max-Windmüller-Gesellschaft.
 
Vortrag am Sonntag
 
Eingeweiht werden soll sie am Jahrestag der Pogromnacht, am 9. November, um 15 Uhr an der Ecke zur Wolthuser Straße im Beisein des neuen Oberbürgermeisters Martin Bornemann. Bereits am Sonntag, dem 70. Jahrestag der Deportation, spürt Dr. Andrea Löw vom Institut für Zeitgeschichte München ab 11 Uhr im VHS-Forum dem Leben im Ghetto Lodz nach. Im Vorfeld wird ein 25-minütiger Film von Helmut Müller und Helmut Stomberg über die Vernichtung der jüdischen Gemeinde Emdens gezeigt. Nach dem Vortrag können Fragen gestellt werden.
 
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Zerstört heißt nicht vergessen

Von Grit Mühring

Eine Gedenktafel an der Claas-Tholen-Straße soll an ein jüdisches Altenheim erinnern. Mehr als 120 Mitglieder der jüdischen Gemeinde Emden wurden von dort ins Ghetto Lodz deportiert. 1944 wurde das Gebäude komplett zerstört.
Emden - "Es war zwischen 4 und 5 Uhr morgens. Sie mussten sich vor dem Haus aufstellen und wurden zu Fuß weggeführt." - Das ist die Erinnerung einer Zeitzeugin, die am 23. Oktober 1941 die Deportation der letzten Mitglieder der jüdischen Gemeinde aus Emden miterlebte.

Am 9. November soll eine Gedenktafel im Beisein vom neuen Emder Oberbürgermeister Bernd Bornemann an der Claas-Tholen-Straße/Ecke Wolthuser Straße aufgestellt werden, dort, wo bis 1944 das jüdische Altenheim stand. Initiator ist die Max-Windmüller-Gesellschaft Emden. Finanziert wird die Tafel, die rund 2500 Euro gekostet hat, von der Stadt.

Auf ihrer linken Seite wird die Geschichte des Altenheims erzählt: 1914 baute die israelitische Gemeinde Emden ein Waisenhaus an der Claas-Tholen-Straße. Weil man aber zu wenige Kinder hatte, wurde es ab 1930 zum Seniorenheim umfunktioniert. Unter dem Regime der Nazis wurden dort die Mitglieder der jüdischen Gemeinde Emdens zusammengepfercht. Was folgte, war ihre Deportation ins Ghetto Lodz (Polen). 123 Emder kamen um. Um die jüdischen Opfer aus der Anonymität zu holen, sind ihre Namen auf der rechten oberen Hälfte der Tafel zu lesen. Dieser Ausschnitt ist ein Abbild der Originaltafel, die 2009 an der Friedhofsmauer des jüdischen Friedhofs in Lodz angebracht wurde.

Ostfriesenzeitung vom 21.10.2011     

 
 
 
 

 
Wichtiger Baustein
 
 
GABY WOLF zur Ausstellung „Reise ohne Wiederkehr”
 
In den Pelzerhäusern ist die Ausstellung „Reise ohne Wiederkehr” eröffnet worden. Gezeigt werden Aufnahmen vom Leben und Sterben im Ghetto Lodz, in das 1941 die letzten Juden aus Emden, Aurich und Norden deportiert wurden (Seite 4). Eine wichtige Ausstellung in zweifacher Hinsicht. 
Zum einen entreißt sie ein weiteres Kapitel dunkler lokaler Geschichte dem Vergessen. Zum anderen ist sie das Produkt einer Zusammenarbeit, an der Schüler einen erheblichen Anteil hatten. Sie erfuhren durch das wissenschaftlich begleitete Projekt nicht nur, wie man eine Ausstellung konzipiert. Sie haben durch den lokalen Bezug und die Gespräche mit Mitgliedern der Max-Windmüller-Gesellschaft einen intensiveren Zugang gefunden. Und so sind die Ausstellungstexte der Schüler kein nüchternes Herunterrasseln von Daten und Fakten, sondern drücken eigene Gedanken und Mitgefühl aus. Ein Baustein im Fundament für ein friedliches Miteinander. 
 
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Erinnerung als Verpflichtung
 
Fotoausstellung zum Schicksal der letzten Emder Juden ist gestern eröffnet worden.
Von EZ-Redakteurin GABY WOLF
 
Emden. Großen Zuspruch hat gestern die Eröffnung der Fotoausstellung „Reise ohne Wiederkehr - Wege in das Grauen” in den Pelzerhäusern erfahren. Alle Sitzplätze im Trauzimmer waren besetzt, auf der Galerie mussten die Stehenden eng zusammenrücken. 
Sie alle waren gekommen, um sich einem bedrückenden Teil Emder Geschichte zu stellen - der Deportation der letzten Emder Juden im Oktober 1941 in das Ghetto von Lodz und dem dortigen Leben und Sterben, festgehalten auf Fotografien, die Anfang der 40er Jahre im damaligen Litzmannstadt entstanden sind.
Stadtarchiv-Leiter Dr. Rolf Uphoff hat einen Teil der Fotografien vom Staatsarchiv Lodz bekommen. Diese Zusammenarbeit hatte vor zwei Jahren bei der Gedenkfeier zum 65. Jahrestag der Auflösung des Ghettos in Lodz ihren Anfang genommen. Dort kam Uphoff die Idee, die Geschichte der fast in Vergessenheit geraten letzten Juden aus Emden, Norden und Aurich, die vom jüdischen Altenheim aus in die Vernichtung geschickt wurden, aufzuarbeiten - und daran Schüler zu beteiligen. 
Dass das geklappt hat, darüber freute sich auch Dr. Carsten Jöhnk, Leiter des Ostfriesischen Landesmuseums, das die Schüler bei dem Projekt wissenschaftlich begleitet hat: „Es ist wichtig, dass dieser Teil der Geschichte von Generation zu Generation weitergetragen wird.” Er dankte den Schülern des Johannes-Althusius-Gymnasiums für ihre Texte zur historischen Einordnung und ihre persönlichen Gedanken dazu sowie den Mitgliedern der Max-Windmüller-Gesellschaft für die inhaltliche Begleitung.
Auch der Kulturausschussvorsitzende Gregor Strelow, der in Vertretung von Oberbürgermeister Alwin Brinkmann das Grußwort sprach, hob die Bedeutung des Gemeinschaftsprojekts hervor: „Ich hoffe sehr, dass aus dieser Idee und Vernetzung weitere Impulse zur Aufarbeitung entstehen.” Die Erinnerung an diesen dunklen Teil der Geschichte sei auch die Verpflichtung, dass dergleichen nie wieder passiert. 
Initiator Uphoff skizzierte das Geschehen vor 70 Jahren, als die letzten 122 ostfriesischen Juden nach zwei Tagen im Waggon im winterkalten Radegast eintrafen und auf verschlammten Wegen mit Sack und Pack noch vier Kilometer weit ins Ghetto gehen mussten. Für keinen von ihnen, so zeichneten es auch die JAG-Schüler Keno Müller und Dirk Heße nach, erfüllte sich die Hoffnung, durch Arbeitskraft sein Leben zu retten. Wer nicht durch die unmenschlichen Bedingungen im Winter 1941/42 starb, wurde im Lager Kulmhof umgebracht.
 
Die Ausstellung ist bis 27. November zu sehen, dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr.
 
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Erinnerung an die letzten Emder Juden

Am Sonntag wird die Ausstellung „Reise ohne Wiederkehr” eröffnet.
Von EZ-Redakteurin GABY WOLF

Emden. An die Deportation der letzten Emder Juden soll ab Sonntag mit einer Ausstellung des Ostfriesischen Landesmuseums in den beiden Pelzerhäusern erinnert werden. Genau 70 Jahre ist es her, dass das Schicksal von rund 150 Männern und Frauen besiegelt wurde. Der größte Teil, darunter auch Norder und Auricher Juden, wurde am 23. Oktober 1941 aus dem jüdischen Altenheim in Emden ins Ghetto von Lodz gebracht. Großformatige Fotos zeigen jetzt das Leben und Sterben im damaligen Litzmannstadt. Um 11.30 Uhr wird die Ausstellung mit dem Titel „Reise ohne Wiederkehr - Wege in das Grauen” in den Pelzerhäusern eröffnet.

Erarbeitet und zusammengestellt wurde die Ausstellung im Zuge eines Kooperationsprojektes unter Leitung von Dr. Rolf Uphoff (Stadtarchiv und Max-Windmüller-Gesellschaft). Schüler des Johannes-Althusius-Gymnasiums (JAG) und der Realschule Herrentor versahen die fotografischen Zeitdokumente aus dem Staatsarchiv Lodz und dem Jüdischen Museum Frankfurt am Main („Sammlung Walter Genewein”) mit Texten, Zitaten, aber auch Gedichten und eigenen Gedanken.
Johanna Wegmann vom JAG etwa hat zum Foto einer Doppelhochzeit im Ghetto das Gedicht „Ich weiß nur” der jüdischen Lyrikerin Rose Ausländer gestellt. Diese und weitere Bilder aus dem Themenkomplex Feste und Feiern hängen auf der vom Trauzimmer im Erdgeschoss aus einsehbaren Galerie. „Wir zeigen hier aus Rücksichtnahme auf die Hochzeitspaare bewusst keine bedrückenden Bilder”, betont Aiko Schmidtvom Landesmuseum, der die Schüler wissenschaftlich begleitet hat. Aber auch in den anderen Räumen - etwa beim Themenkomplex Verwaltung und Wirtschaft im Ghetto - finden sich immer wieder Bilder, die zunächst den Anschein von einem normalen Leben erwecken: vom Büchermarkt, der Schlachterei, dem Krawattenhandel. „Es gab sogar eine Schule”, sagt Schmidt. Doch das, ergänzt Uphoff, sei nur eine Scheinexistenz auf Zeit gewesen. „Wer genau hinsieht, sieht auch das Leiden, das sich indirekt durch die Haltung der Menschen mitteilt.” Andere Bilder zeigen Not, Angst und Drangsalierung deutlicher. Jüdische Frauen besticken Uniformen für die Besatzer. Kinder kämpfen mit dem Hunger und der Kälte des Winters. Gerade die Fotos von den Kinderdeportationen, aber auch Bilder von der Krankenversorgung, die am Ende doch sinnlos war, hätten sie tief erschüttert, schildern Jan Mensching und Matthias Starosta die Emotionen der Schülergruppe.
Manche Bilder wurden auch ohne Text gelassen, weil sie für sich sprechen. Mit Stadtansichten von Lodz werden die Besucher in die Ausstellung eingeführt - als Stolperstein mittendrin: Das Einzelschicksal von Walter Philipson, dessen Eltern 1941 von Emden nach Lodz deportiert wurden.

Wer nicht schon im Ghetto durch Hunger, Kälte und Erschöpfung umkam, fiel im Frühjahr und Sommer 1942 dem Massenmord im Vernichtungslager Kulmhof (Chelmno) zum Opfer. „Das war ein landwirtschaftliches Gut”, erläutert Marie Werth, die sich intensiv mit Emdens jüdischer Geschichte befasst und bei der Ausstellung mitgewirkt hat. Dort angekommen, seien die Menschen nackt in Autos zusammengepfercht und die Abgase bei der Fahrt ins Lager ins Innere geleitet worden.
Projektleiter Uphoff ist wichtig, dass mit der Ausstellung nicht allein ein Beitrag zur Aufarbeitung geleistet wird. Er hofft, dass auch die „ungeheuerlichen Mechanismen” deutlich werden, durch die Menschen, die bis dato integriert waren und ihre Stadt bereichert hätten, auf einmal gesellschaftlich ausgeschlossen wurden, um am Ende deportiert und ermordet zu werden.
Zur Eröffnung am Sonntag sprechen Museumsdirektor Dr.Carsten Jöhnk, Oberbürgermeister Alwin Brinkmann, Uphoff und die Schüler Keno Müller und Dirk Heße. Eine Begleitbroschüre ist ab heute für acht Euro in den Emder Buchhandlungen erhältlich.
Weitere Veranstaltungen:

Vortrag „Juden im Ghetto Lodz”, 23. Oktober, 11 Uhr VHS-Forum.
Aufführung Splitter der Kristallnacht”, 8. November, 20 Uhr, Neues Theater.
Gedenken an die Pogromnacht, 9. November, 17.30 Uhr, Synagogendenkmal und 19 Uhr VHS-Forum.


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